Aus der Rolle fallen (Folge 4): Konstantin Bühler
2 May 2021 · 49 min
Murat Beiß spricht mit Schauspieler Konstantin Bühler über seinen Weg von der Grundschule bis zur Schauspielschule, seine Rollen in Iwanow und internationalen Filmprojekten, und was für ihn einen guten Schauspieler ausmacht: ständiges Forschen und das Verschieben von Grenzen.
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Hallo, ich bin Murat Beiß, Schauspieler hier am Schauspielhaus Bochum. In diese Corona Zeiten können meine Kolleginnen und ich ja leider nicht für euch spielen, aber ich habe eine Idee, wie wir uns trotzdem begegnen können. In diesem Podcast interviewe ich das Ensemble des schönsten Theaters der Welt über die Arbeit als Schauspieler in Ich werde sie zusammen mit euch näher kennenlernen und ihr bekommt einen Blick hinter die Rollen, die wir auf der Bühne spielen. Heute ist Konstantin Bühler bei mir. Willkommen bei Aus der Rolle fallen. Was für ein Tag ist es für dich heute?
Ich bin schon nicht aufgeregt, aber neugierig, weil ich ja jetzt seit Monaten eigentlich das erste Mal wieder richtig Probe. Also das ist keine neue Produktion, aber es ist eine Wiederaufnahme und wir haben das Stück ja ein Jahr lang nicht gespielt. Es ist auch ein langer Abend oder es wird wieder ein langer Abend, hoffe ich. Es bleibt ein langer Abend und deswegen ist es schon eine besondere Situation, weil ich seit drei Monaten ungefähr seit drei Monaten nicht mehr geübt habe, wie proben funktioniert.
Ja, ja, weil jetzt macht ihr eigentlich so eine Corona Version von Iwanow.
Ganz genau. Wir machen eine Corona Version mit Abstandsregeln, Hygieneregeln und da der Abend fast vier Stunden dauern wird, schätze ich, dass wir uns da auch in verschiedenen Phasen dem Gesamten annähern. Also bit by bit, Schritt für Schritt das Ganze von vorne in Ruhe durchgehen und dann schauen, wo wir landen.
Ja gut, okay, aber das ist jetzt heutzutage Ivanov 2021 kannst du dich eigentlich erinnern, Konstantin, was dein erster Moment war, dass du mit Performance oder Schauspielen deine erste, allererste Erfahrung damit. Weißt du das noch? Ja.
Das weiß ich auf jeden Fall noch. Das war in der Grundschule, da war ich wahrscheinlich ungefähr sieben oder acht Jahre alt. Es gab ein Theaterstück, das sollten die Schüler der Grundschule zusammenspielen, also alle Klassen, alle vier Klassen nicht zusammen im Sinne von, dass alle mitspielen, aber aus allen Klassen sollten Kinder dabei sein. Und eigentlich, so erinnere ich das zumindest, waren die Kinder so aus der dritten, vierten Klasse so im Fokus. Und ich war da aber noch erst in der zweiten Klasse, glaube ich, oder in der ersten. Auf jeden Fall kam ich mir wahnsinnig jung vor zwischen diesen anderen Kindern und ich hatte auch wirklich nur einen Satz und es war ein Märchen und das heißt auf Deutsch Des Kaisers neue Kleider. Das ist also, glaube ich, sehr lange populär gewesen. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch heute noch ist. Jedenfalls musste ich den legendären Satz sagen. Ich musste so auf Leute gucken, die auch auf der Bühne standen und so Greise spielten und ich weiß gar nicht mehr, was ich für eine Rolle hatte. Jedenfalls musste ich Das war mein einziger Satz. Ich musste Die sind doch alt und nicht mehr weise. Das habe ich nie vergessen. Ich habe diesen Satz, glaube ich, einmal in meinem Leben gesagt bei dieser einen Vorstellung in der Aula der Grundschule. Aber das weiß ich noch.
Und was für eine Rolle war das? Und wie sahst du aus? Weißt du das noch? Was hattest du an? Wie war das Bild und so?
Es gibt von dieser Inszenierung Fotos. Also meine Mutter hat damals mit einer Kamera, das weiß ich noch, Fotos von mir gemacht und ich sehe diese Fotos noch vor meinem Auge. Ich habe mir die wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht angeguckt, aber ich bin mir sicher, dass es die noch gäbe. Ich habe damals ein weiß geschminktes Gesicht gehabt. Ich hatte einen Strohhut auf, aber keinen klassischen, sondern einen immer chinesisch oder asiatischen, so einen relativ großen, voluminösen. Der war mit so einem Band unter meinem Kinn befestigt und ich hatte, wenn ich das richtig erinnere, ein lilafarbenes Seidenhemd an. Also es war richtig anders, als man normalerweise so rumläuft. Und das Bühnenbild bestand aus so gemalten Dekorationen. Es gab so hängende große Tücher, die so eine Art Innenraum darstellten. Und ich meine mich auch zu erinnern, dass es ein Duplikat oder ein Replikat von einem Webstuhl gab. Also aus irgendwelchen Gründen ist in meinem Bildergedächtnis so ein Webstuhl abgespeichert als Teil der Dekoration.
OK, Und wie hat das Publikum damals reagiert?
Ich weiß gar nicht genau, ob ich mich getraut habe, den Satz so laut zu sprechen, dass der überhaupt hörbar war. Ich könnte mir auch denken, dass ich so schüchtern und aufgeregt war, dass ich das so halb verschluckt hab. Deswegen weiß ich nicht, ob die Leute gelacht haben oder ob sie sich gefragt haben, was das überhaupt bedeuten soll in dem Kontext? Daran habe ich leider keine Erinnerung mehr.
War das etwas Besonderes und hat das damals schon etwas bei dir so, wie sagt man das, aufgelöst oder so, dass du denkst, ah, das macht sehr viel Spaß Oder warst du Das will ich nie wieder machen?
Ich habe das Gefühl, dass wir das gar nicht so wirklich oft geprobt haben. Also ich könnte mich jetzt nicht erinnern an so Gefühle, die damit verbunden waren, als das so ins Entstehen kam. Ich war, glaube ich, schon daran interessiert, das zu erleben. Also ich habe mich sehr aktiv darum beworben, da mitmachen zu dürfen. Und woran ich mich tatsächlich erinnern kann, ist der Tag dieser Vorstellung. Diese eine Vorstellung, das war an einem Wochenende, an einem Nachmittag. Also da habe ich merkwürdig so relativ präzise Erinnerungen dran, bilde ich mir zumindest ein. Und das Gefühl um dieses Ereignis herum, davor und danach auf dem Schulhof, daran kann ich mich sehr, also emotional ganz gut erinnern. Es ist mir sehr wichtig gewesen und ich habe das eigentlich auch genießen können. Ich war bestimmt aufgeregt, aber im selben Moment war ich, war ich, ich war glücklich. Ich glaube, mich hat das in dem Moment total bereichert als Erfahrung. Es war so outstanding, dass ich das nicht vergleichen konnte mit irgendwelchen Erlebnissen, die ich vorher gehabt hätte in der Richtung.
Aber das war bestimmt dann auch nicht, dass du danach jetzt möchte ich Schauspieler werden. Gab es so einen Moment für dich oder wann kam das für dich, dieses.
Moment richtig, was du sagst? Also die Situation war nicht dazu angetan, mich jetzt sofort im Alter von sieben Jahren restlos davon. Zu überzeugen, dass ich jetzt nur noch Schauspieler werden will. Das kam tatsächlich in der Pubertät. Also ich hatte dann im Gymnasium, als ich in die Oberstufe kam, da war ich wahrscheinlich so 15, 16, da hatte ich mitbekommen, dass es eine Theater AG gibt, aber ich kannte niemanden, der da Mitglied ist, Also aus meiner Klasse oder so, von meinen Freunden war das niemand. Und dann gab es. Der Moment, in dem die Klassen zusammengelegt wurden, so für die Oberstufe, als dann eine Stufe aus den Klassen wurde, da habe ich mich in ein Mädchen verliebt aus einer Parallelklasse und die war in der Theater AG. Und dann habe ich gedacht, also ich bin jetzt viel zu schüchtern, dieses Mädchen irgendwie anzusprechen, Ich muss das irgendwie anders machen und ich muss in diese Theater AG gehen. Ich hatte aber eigentlich auf die Theater AG per se gar keine so immens große Lust. Da gab es schon diesen einen konkreten Anlass, so dieses Mädchen und das hat alles überhaupt nicht geklappt mit dem Mädchen. Aber ich war dann in dieser Theater AG halt drin und da mir das bei dem ersten Treffen auch Freude gemacht hatte. Ich kannte die Lehrerin auch nicht, die das leitet. Ich hatte die nie gehabt. Die war aber sehr höflich zu mir. Und auch die anderen Mitglieder der Theater AG waren höflich. Teilweise waren das auch schon Ehemalige, die hatten schon ihr Abitur gemacht, blieben aber trotzdem noch in der Theater AG. Ich fühlte mich da jedenfalls wohl. Ich kannte zwar keinen, aber irgendwie war das alles richtig so. Und dann ging das mit dem Berufswunsch, Schauspieler zu werden, relativ schnell. Also ich hatte dann in dem ersten Stück, in dem ich mitspielen durfte, gleich eine richtig, richtig große Rolle. Und das hat mir irrsinnige Freude gemacht. Es war aufregend, es war neu, es war anders und es gab da erstmal keine Grenzen und es gab auch nichts Didaktisches oder Schulisches. Also es war frei und man konnte das Learning by Doing mäßig so machen, wie das in der Schule nie möglich war. Also ich hatte so einen ganz neuen Geschmack von Möglichkeiten, was man machen kann im Leben.
Aber dann, Aber dann hast du doch eigentlich noch erst Literatur studiert, erinnere ich mich das gut? Ja. Hat das einen Grund, dass du nicht so direkt ein Schauspielstudium gemacht hast? Oder wie war das?
Das war insgesamt vielleicht so ein bisschen umwegig oder seitenwegig. Ich hatte nach dem Abitur Zivildienst angefangen im Krankenhaus in Düsseldorf und ging während dieses Zivildienstes aber weiterhin in die Theater AG als ehemaliger, nur als Besucher. Ich hab nicht mehr mitgespielt, aber ich guckte mir an, was die so machten. Und dann traf ich bei einem Treffen da abends einen Regiehospitanten vom Lusselover Schauspielhaus und der durfte bei einer Inszenierung am Schauspielhaus eine Szene als Hospitant selber selbstständig inszenieren und suchte dafür Jugendliche oder Kinderdarsteller, weil der früher selber auf diesem Gymnasium gewesen war, auf das ich eben auch gegangen war. Und der sprach mich an und drückte mir einen Text in die Hand, den ich über Nacht lernen sollte, um am nächsten Tag im Düsseldorfer Schauspielhaus das vorzuspielen dem eigentlichen Regisseur, wie so eine Art Casting. Und dann bekam ich diese Rolle, was mich natürlich irrsinnig beglückt hat, denn ich wollte ja in dem Moment wirklich schon Schauspieler werden. Und ich habe dann aus dieser einen Rolle heraus noch andere kleinere Rollen in anderen Inszenierungen in Düsseldorf am Schauspielhaus bekommen. Und dann wollte ich natürlich vermessen, wie ich war, direkt Schauspieler werden ohne Schauspielschule. Ich wollte einfach in das Ensemble integriert werden. Das habe ich so offensiv nicht formuliert, aber das war für mich so ein Ziel. Das hat aber eben nicht geklappt. Und dann war ich erstmal darüber wütend und enttäuscht und hab dann versucht vorzusprechen an Schauspielschulen, aber ich hab das nicht besonders ernst genommen, weil ich eigentlich dachte, ich will jetzt spielen, ich will das nicht mehr wirklich lernen, was völlig hybrid ist, also dass man das jetzt alles kann. Aber gut, ich hab das jedenfalls in dem Moment für richtig gehalten. Und dann habe ich aber nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten vorsprechenden Studienplatz bekommen an einer Schauspielschule. Und dann war ich so wütend und habe dann entschlossen, dann mache ich das eben nicht, dann mache ich jetzt eben was völlig anderes und studiere jetzt Literatur und bin an die Uni in Bonn und habe mich da eingeschrieben. Und ich habe dann relativ rasch gemerkt, dass das zwar interessant ist, aber dass das eigentlich nicht das Richtige ist und dass das auch von dem Herzen, wo es mich berührt, nicht mit dem Theaterberuf, mit dem Schauspielerberuf konkurrieren kann. Und ich hab dann so oft an der Uni in irgendwelchen Kursen gefehlt, bis ich keine Chance mehr hatte, irgendwelche Scheine zu machen und hatte mich so in die Position gebracht, dass ich jetzt wirklich vorsprechen gehen muss an Schauspielschulen, ansonsten fliegt das auf, was ich hier für ein merkwürdiges Leben führe. Und dann habe ich das auch zum Glück relativ zeitnah geschafft, aufgenommen zu werden an einer Schauspielschule und dann bin ich dahin und dann war das auch alles gut.
Wie war deine Zeit an die Schauspielschule?
Ich habe mich unheimlich wohlgefühlt, weil ich da auf Lehrer gestoßen bin, die mit mir sowas anfangen konnten. Ich musste mich da nicht verbiegen oder verbiegen lassen, sondern das war wirklich möglich von denen die Angebote anzunehmen, die sie zu geben hatten. Und es gab im Rahmen des Studiums auch so eine Art Praxisbezug. Ich bin da zu Beginn des dritten von vier Ausbildungsjahren an ein Theater gekommen, in dem mein Jahrgang als Chor in einem Stück mitspielen sollte, als Sprecherchor. Und aus diesem Chor heraus oder aus diesem einen Projekt heraus, aus diesem einen Stück Vertrag heraus, bin ich dann noch mal zu einem echten Vorsprechen eingeladen worden an diesem Theater und hab dann da auch mein erstes Engagement bekommen. Und das war eigentlich noch vor dem, also das war vor dem eigentlichen Ende der Ausbildung. Also ich habe dann diese Herausforderungen angenommen an dem Theater und bin aber zeitgleich noch eingeschrieben geblieben an der Hochschule und habe auch mein Studium mit allen Scheinen und auf ganz normale Weise eigentlich dann beendet.
Es hört sich an, als ob du ein richtiges, sehr fast Modell Trajekt hattest auf die Schauspielschule oder Modell, das es eigentlich ganz toll war. Und dann hast du auch sehr schnell einen Vertrag bekommen. Irgendwo war es so easy breezy für dich diese Zeit.
Das Vorsprechen an den Schauspielschulen war umwegig. Das hat nicht sofort geklappt, aber das hat im Vergleich, glaube ich, zu vielen anderen auch verhältnismäßig schnell geklappt. Es gibt ja Kollegen, die da weitaus öfter vorgesprochen haben, bis es geklappt hat mit dem angenommen werden. Das habe ich ganz gut gepackt und auf der Schauspielschule selber habe ich mich ja auch wohlgefühlt und dann ging das ja auch rasch in eine konkrete Praxis. Also dann war die Schauspielschule nicht beendet, aber ich war reell eigentlich schon im Theater, bevor die Ausbildung hätte fertig sein müssen. Das hat sich ganz gut ergänzt und ich hab natürlich auch früh dann angefangen mit Menschen anders umzugehen, weil die Kollegen am Theater ja schon anders drauf waren im Ensemble als jetzt meine Kommilitonen auf der Schauspielschule. Da hatte ich dann relativ bald so einen eine Möglichkeit auch andere Generationen kennenzulernen als Kollegen auf der Bühne. Also die Kommilitonen an der Schauspielschule sind mehr oder weniger so alt gewesen wie ich. Dann gab es die Lehrer, die waren deutlich älter, aber die standen ja mit mir nicht zusammen auf der Bühne. Und im Theater war ich dann mit Anfang 20 eben schon in der glücklichen Position mit Menschen gemeinsam spielen zu dürfen, die meine Großeltern hätten sein können. Das werde ich auch nie vergessen, weil dieser Generationenbezug und dass dann alle mehr oder weniger in einer Mannschaft, in einer Equip gleichberechtigt arbeiten dürfen, das war ein großer Erfahrungszuwachs für mich.
Du fandest das sehr interessant, weil die älteren Leute dann, um es so zu sagen, viel mehr Erfahrung hatten.
Die hatten ganz andere Erfahrungen, die hatten teilweise noch Kriege miterlebt und nicht, dass man sich um die Erfahrung prügeln muss. Aber das ist natürlich schon etwas, was sie weitergeben können. Geschichten, persönliche Geschichten oder Blick auf Geschichte aus ihren Perspektiven jeweils. Und da kamen Dinge an mich ran, die ich also ich komme aus einer relativ kleinen Familie, die ich in der Gebundenheit an persönliche Schicksale kaum kannte. Das war schon enorm, was da zu lernen auf einmal vor mir lag.
Also nicht nur als Schauspieler, aber eigentlich als Mensch, um es so zu sagen.
Ganz genau. Also das mischte sich ganz gut. Es waren teilweise Leute, die hatten, das waren Leute, die hatten mir was mitzugeben im handwerklichen Sinne oder auch Tipps zu geben, was man lesen könnte neben dem eigentlichen Theaterkanon. Und teilweise waren es Sachen, die hatten mit Theater nur bedingt etwas zu tun. Die waren viel persönlicher. Und das Gespräch darüber ergab sich eigentlich nur, weil man als Grundlage, als Basis dafür den gemeinsamen Beruf hatte, das gemeinsame Engagement. Und daraus speiste sich dann so ein Vertrauen, bei manchen zumindest oder bei vielen. Teilweise hat das auch Jahre noch angehalten nach dem ersten Engagement, dass man sich immer wieder traf und sich austauschte. Das ist also teilweise mit Leuten bis heute so. Das ist ein riesiges Geschenk.
Ich kenne dich auch als jemand, die eigentlich unfassbar viel liest. Ist das wichtig für dich als Schauspieler?
Ich habe das Gefühl, dass ich je älter ich werde, immer mehr lese. Ich weiß nicht genau, ich weiß nicht genau, woran das liegt. Ich habe nie ungern gelesen. Daran kann ich mich nicht erinnern, dass mir das irgendwann überhaupt keine Freude gemacht hätte. Nur irgendwann so, ich glaube, das hat angefangen so vor zehn Jahren ungefähr, habe ich mich noch mal mit einem größeren Interesse darum gekümmert, was mich persönlich wirklich reizt. Das war vorher vielleicht eher so zufällig oder nicht so fokussiert, nicht so geleitet. Und dann hat sich noch mal so die Spreu vom Weizen getrennt. Und trotzdem ich jetzt weiß, dass ich bei manchen Autoren oder Richtungen sowieso ein Grundinteresse habe, versuche ich das nicht zu mono mäßig durchzuziehen, sondern den Blick immer wieder zu weiten und natürlich auch Anregungen, Hinweise und Tipps aufzunehmen, die mir von anderen Menschen gegeben werden. Sonst würde ich mich ja nur noch mit dem beschäftigen, was mir ohnehin irgendwo Freude macht. Das könnte man oder das macht man ja auch manchmal anders. Das ist schon gut so.
Was ist etwas, das du in die Schauspielschule, dass du sagen würdest, das ist eigentlich das Wichtigste, das ich gelernt habe damals und das ich jetzt noch immer fast bei jedem Produktion oder so mitnehme, was ich damals gelernt habe.
Der Team Spirit. Also man kann sich vorbereiten für sich selber auf die Verantwortlichkeiten, die unmittelbar im persönlichen Einflussbereich liegen und das ist essentiell wichtig, dass man das tut. Und zeitgleich ist es wenig wert, wenn um einen rum die Gemengelage nicht wirklich funktioniert oder man sich dafür nicht darum nicht kümmert, wenn man sich dafür nicht wirklich interessiert. Ich finde das ganz wichtig, dass man Teil einer Gruppe ist und sich als solchen auch begreift. Man kann sich da ja rausnehmen partiell und so, das ist alles wunderbar. Aber in letzter Konsequenz funktioniert man immer nur so gut wie die, wie die ganze Truppe.
Und das hast du damals, wie sagt man das, begriffen?
Ja, das wurde uns erstens so nahegebracht durch Erzählungen im Unterricht und es wurde uns aber auch praktisch an die Hand gegeben in der Art, wie wir ausgebildet wurden. Natürlich, man arbeitet Monologe und so, das ist alles wunderbar. Das ist ja auch immer noch so. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, ist ein großes Augenmerk darauf, dass man auch gemeinsam Erfahrungen macht und sich innerhalb einer Struktur spürt und auch mit den wieder Widerständen konfrontiert wird, die damit vielleicht einhergehen, dass man nicht immer sich mit allen gut versteht, dass man das aushält, dass man versucht, das zu verbessern, dass man nach den Gründen forscht und dass man das nicht als Anlass nimmt, sich komplett rauszuziehen, sondern dass man da immer offen bleibt und sich auch wenn es Krisen gibt, immer wieder versucht anzunähern. Und das ist mir eigentlich von den Dingen, die mir da mitgegeben wurden, die wichtigste, die wertvollste, auch die nachhaltigste.
Was war für dich ein Projekt, dass du dachtest, das war sehr besonders?
Das ist eigentlich nicht nur mit den jeweiligen Stücken verknüpft, sondern auch oder vielleicht sogar primär mit den Menschen, mit denen ich das zusammen erarbeitet habe. Also ob das Kollegen sind, ob das Regisseure sind, dann spielt ja auch immer vielleicht ein bisschen hinein, was man in den Arbeitsphasen im Privatleben parallel erlebt hat, also wie sich das mischt und was man da dann als Erinnerung von behält. Ich glaube, ich habe das Glück gehabt, Menschen zu begegnen, die sich nicht nur für mich interessierten und die mich interessierten, sondern die es auch aus ihrer Perspektive mit jemandem wie mir gut meinten. Also die mir versucht haben, Luft unter die Flügel zu blasen oder mir zu helfen, mir Dinge zu zeigen, die ich vielleicht noch nicht kann oder noch nicht kenne. Und ich habe auch viel gelernt aus Krisen oder aus Rückschlägen oder aus Ernüchterungen Also aus Situationen, in denen die Dinge nicht leicht und einfach liefen, sondern in denen man sich zusammenreißen musste oder auf die Zähne beißen musste, um aus einer Situation vielleicht gestärkter hervorzugehen, als man in sie reingekommen ist. Und das sind Situationen gewesen, die man, als man drinsteckte, vielleicht nicht gemocht hat oder ganz sicher nicht gemocht hat, die man aber jetzt retrospektiv anders bewerten kann. Und dann wird auf einmal absehbar oder ersichtlich, was einem das gebracht hat für die Zeit, die seitdem vergangen ist. Und dass man da eben nicht nur leicht und locker Fortschritte macht, sondern dass es manchmal auch richtig was kosten muss, um was Neues, ein neues Kapitel auch mit sich selber als Mensch aufschlagen zu können.
Ich verstehe total, was du meinst, aber es hört sich trotzdem auch noch ein bisschen Allgemein kannst du etwas sagen. Also du musst nicht sagen, welches Projekt und all diese Sachen, aber über was so genau. What did you think was difficult? Und was hast du dann gelernt davon, wenn du jetzt über ein konkretes Projekt nachdenkst oder so, dass du denkst, das war damals schwierig, aber als Schauspieler habe ich jetzt das gelernt und das ist für mich sehr wertvoll.
Ich habe ein dreiteiliges Filmprojekt gemacht, das mehrheitlich nicht in Deutschland stattgefunden hat und bei dem sich auch viele Laien beteiligt haben. Und da habe ich so eine Mischform kennengelernt aus einem mehr oder weniger improvisierten beruflichen Anteil eines Tages und einem vollkommen freien Leben in einer anderen Stadt in einer fremden Kultur. Und das hat mich, glaube ich, zumindest auch geöffnet für Dinge, die nicht auf dem Hauptweg liegen, weil ich in dieses Projekt mehr oder weniger zufällig reingeschlittert bin. Ich habe mich da gar nicht aktiv drum beworben, das ist einfach an mich ran getragen worden. Dann habe ich das zu mir genommen, habe das angenommen und dann wuchs das immer weiter. Also es war, als das startete, gar nicht klar, dass das drei Teile haben würde. Das fing in der Stadt an, in der ich damals wohnte und wuchs sich dann aus nach Spanien und nach England. Und auf einmal wurde ich in ein Flugzeug gesetzt sozusagen und durfte dahin fliegen und dann da auch wohnen und Zeit verbringen und dabei auch arbeiten auf eine Weise, die mir völlig unvertraut war. Es war alles im Improvisation, also auch in Fremdsprachen, denen ich nicht mächtig war, die ich dann learning by doing mäßig im Augenblick irgendwo versucht hab, instinktiv zu erfühlen, die konnte ich gar nicht sprechen oder verstehen. Ich habe nur versucht, mich davon leiten zu lassen in meinem Ausdruck. Und das hat eine immense Sprengkraft gehabt, um so was wie Konventionen, die ich bis dahin vielleicht schon angenommen oder in denen ich mich bewegt hatte, wieder zu öffnen und zurückzulassen. Und das war eine sehr, sehr wichtige Erfahrung.
Gut, Konstantin, was ist für dich eine gute Schauspieler oder Schauspielerin?
Für mich könnte sich so jemand dadurch auszeichnen, dass er nie aufhört, forschen zu.
Wollen.
Dass er nicht anfängt, Dinge zu repetieren, die ihm ohnehin gelingen, weil er sie schon erprobt hat, sondern der sich immer wieder herausfordert und auch das Scheitern damit riskiert. Also das Verschieben von Grenzen und das Befragen von Möglichkeiten. Man kann nicht alles, ich glaube nicht, dass jeder alles kann, aber man kann sich für unendlich viele Sachen interessieren oder faszinieren oder begeistern und dass man das lebendig hält oder sich immer wieder neue Kraft auch daraus holt, dass man in ein Territorium versucht vorzudringen oder etwas zu erforschen, was man einfach noch nicht kennengelernt hat. Ich glaube, das ist wichtig.
Und stehst du auch so im Beruf?
Ich hoffe das sehr und ich kann das für mich selbst vielleicht beschreiben. Und trotzdem glaube ich, ist das auch eine Sache, die sich durch ein Außen oder durch eine Spiegelung irgendwo entscheidet. Also wenn ich das oder wenn ich mich selbst so wahrnehme, wenn ich das so für mich in Anspruch nehme, wäre das verhältnismäßig wenig wert, wenn ich nicht auf jemanden treffe, der mich genau da abholt und dass wir dann zusammen einen konkreten Weg einschlagen und uns auf dem fortbewegen und den austesten. Und eigentlich funktioniert das auch. Also eigentlich kommen mir Menschen dann entgegen, die Lass uns mal gucken, da ist vielleicht was zu holen und dann lass uns unterwegs sein gemeinsam.
Wer oder was inspiriert dich?
Es gibt ja im Moment nicht so viel Struktur, wie das lange Jahre in meinem Beruf eigentlich jetzt war. Wenn man das Festengagement am Theater mal als Grundlage betrachtet, ist das ja im Moment das ist so. Es gibt das Festengagement, aber das ist nicht damit verbunden, dass man so viel probt oder in den Strukturen wirklich konkret arbeitet, wie man das eigentlich kennt. Dadurch ist man jetzt in einer anderen Art von Eigenverantwortung Und aus der heraus kann ich mir meinen Tag so einteilen oder auch meine Nacht, einfach meine Lebenszeit, wie ich das eigentlich nicht kenne. Und bei all den Dingen, die mich jetzt sowieso interessieren, auf die ich immer schon oder vom Grundsatz her ein Augenmerk gelegt habe, kommen jetzt einfach, weil viel Zeit freigesetzt wird, noch mal ganz anders Dinge an mich ran, die ich vielleicht ansonsten nicht wahrnehmen würde oder die ich anders wahrnehmen würde, die jetzt einen anderen Raum in meinem Alltag oder in meiner Zeit bekommen. Und daraus können dann wiederum andere oder neue Interessen erwachsen, die es vorher nicht gab. Also das inspiriert mich gerade schon. Insofern finde ich diese merkwürdige oder ungewohnte Art der Lebensumstände, durch die wir gerade laufen, nicht nur beängstigend, sondern auch irgendwo inspirierend.
Gibt es auch Personen, die dich inspirieren?
Nelson Mandela hat mich inspiriert. Also ich hatte ein interessantes Erlebnis in der Nacht, in der er gestorben ist. Da war ich nämlich in Afrika und ich hatte mit mit Freunden damals eine Reise unternommen, die auch sehr wenig organisiert war. Wir hatten uns ein Auto zusammengemietet und sind damit umhergefahren. Und wir waren schon seit Wochen unterwegs. Und es gab eine Nacht, in der wir lange wach waren und angefangen haben, uns über Nelson Mandela zu unterhalten. Und wir wohnten in einem Hotel und sind irgendwann ins Bett gegangen. Und ich weiß gar nicht, wie oft ich in meinem Leben vorher mich mit Menschen über Nelson Mandela unterhalten hatte. Auf jeden Fall war das an diesem Abend oder in dieser Nacht war das so. Und als wir am nächsten Morgen wach wurden und mit dem Auto das Hotel verlassend oder auch die Stadt verlassend, uns einem anderen Ort annäherten, sehr früh am Tag liefen Zeitungsjungen durch die Gegend und verteilten kostenlos extra Ausgaben über Mandela, weil er in der Nacht gestorben war. Und das war als Initiation für ein Interesse für seine Biografie, für sein Leben der absolute Wahnsinn. Also diese Koinzidenz, die war so schlagend, dass ich, Also da muss ich jetzt mal gucken, wohin mich das trägt, wenn ich mich dem öffne. Und deswegen, Nelson Mandela, gibt es jetzt.
In deiner Arbeit eine Frage oder ein Thema, das du hast in Bezug zu deinem Beruf?
Ja, das wäre eine Art von Frage nach Sprache. Also wie kann man in einem Raum, der sich vielleicht Bühne nennt, in eine Interaktion treten mit der Öffentlichkeit, die zuschaut? Ob das jetzt durch eine Kamera ist, in einem Livestream oder ob das durch eine durch eine reelle Publikumssituation ist, bestimmt auch noch mal zwei interessante Fragen, die sich dann unterscheiden. Aber wenn man mal von einem klassischen Publikum ausgeht, wie kann man qua seines Körpers oder qua seiner Stimme und auf welche anderen Arten noch sich veräußern und versuchen zu sprechen oder sich, ohne dass man das sprachlich ausdrückt, mitteilen? Und das finde ich interessant. So muss sich Sprache vielleicht erstmal, bevor sie sich entäußert, bevor sie entäußert werden kann, aktiv durch den Körper irgendwo durchfressen oder den Körper durchlaufen, bis sie aus einem herausplatzt oder herausdringt oder herausrinnt. Also wie kann man das untersuchen und wo fängt man da an? Fängt das mit den Füßen an oder fängt das mit dem Kehlkopf an? Also so als zwei Pole mal so genannt? Oder ist das die Fantasie? Geht das in irgendeiner Gehirnregion los oder wo sitzt die Fantasie? Also was ist das Vehikel, das wir benutzen können, um zu sprechen, um aus uns Sprache, wie auch immer sie geartet ist, zu entlassen nach außen?
Ja, sehr interessante Frage, finde ich.
Es gibt ja immer irgendwas außerhalb von einem selbst. Manchmal kann man das konkret greifen. Das sind Menschen oder Orte, denen man sich zugehörig fühlt. Und dann gibt es das eigene und das Innen und die Grenze dazwischen, die permeabel ist. Und das ist dieses Abklopfen von Möglichkeiten, bei sich zu sein und trotzdem die Aufmerksamkeit nach außen zu lenken oder sich bewusst dem Außen zu entziehen oder es zumindest versuchen und sich nur auf sich zu konzentrieren und diese Sehnsucht, sich nicht allein zu fühlen oder zurückzubleiben gegenüber allen und die Lust, sich aber abzugrenzen und sich genau zurückzuziehen aus einer Bedürftigkeit heraus und das aktiv zu unterstützen. Das finde ich sehr interessant und daran kann man, ich glaube, unbegrenzt forschen.
Ja, klar. Und dann die letzte Bist du, Konstantin, zufrieden mit, wo du jetzt bist in deiner Karriere, um es so zu sagen?
Ja, das ist tatsächlich sehr nah dran, denn ich bin hier an einen Ort gelangt, den ich mir so nicht vorgestellt habe. Ich habe das nicht von langer Hand geplant und es hat sich ereignet. Und das, was dann daraus bis jetzt erwachsen ist, konnte ich mir so vorher nicht vorstellen. Und es trifft deswegen auch überhaupt nicht meine Erwartungen, weil ich eigentlich überhaupt keine hatte. Und das, was ich konkret erlebt hab, ist wahnsinnig bereichernd und ich kann mir eigentlich nur wünschen, dass dieser grundsätzlich eingeschlagene Pfad nicht früh abgetrennt, abgebrochen oder beendet wird, sondern dass der weitergeht, dass ich den weiter begehen darf, dass wir den weiterbegehen dürfen gemeinsam. Wohin der führt und wo der dann wirklich endet, das wissen wir wahrscheinlich alle nicht. Ich weiß es auf gar keinen Fall und ich habe eine riesige Neugierde in mir, den zu gehen.
OK, Konstantin, ich habe dich gefragt, um einen Text zu wählen, die du inspirierend findest. Was hast du gewählt?
Gewählt habe ich den Text Zärtlich ist die Nacht von F. Scott Fitzgerald. F. Scott Fitzgerald mag ich insgesamt sehr gern. Ich habe mehrere Bücher, Romane von ihm gelesen und das Buch, was ich jetzt ausgewählt habe, habe ich gar nicht als allererstes gelesen. Trotzdem ist mir das in einer Art besonders in Erinnerung geblieben. Es geht vordergründig um die Welt von so reichen und schönen Menschen, die scheinbar keine Probleme haben. Und je länger die Geschichte erzählt wird, desto schlimmer wird deren Leben und desto egaler wird es, ob die mal reich waren oder nicht. Die haben eine unfassbare Not am Ende und eigentlich auch nur noch wenig Aussicht auf eine Rettung im emotionalen Sinn. Und ich fand das so bewegend, das zu lesen, weil die Entwicklung so unaufhaltsam ist. Man sieht dabei zu, wie jemand eigentlich fällt und es gibt keine Möglichkeit einzugreifen und das zu ändern.
Okay, ja und was du jetzt vorlesen willst, das ist von der Anfang, oder?
Ah ja, genau das, was ich jetzt vorlesen werde, ist der Anfang. Da ist noch alles gut. Da wird im Prinzip die Welt gezeigt, in der das beginnt, in der es scheinbar keine Probleme gibt und alles oberflächlich betrachtet sehr, sehr schön und angenehm ist.
Und weil eigentlich gibt es doch auch. Ja, es gibt doch diesen Buch, weil es gibt auch viele Geschichten, die berührend sind und so, oder diese reiche Leute und so. Und warum hast du genau hier vor das gewählt?
Ich habe das nicht zuletzt deswegen gewählt, weil es um ein Ehepaar geht. Die haben am Anfang eine ganz klare Hierarchie in ihrer Beziehung und die kippt komplett, die dreht sich im Verlauf der Jahre, in der wir den Weg dieser Figuren verfolgen, dreht sich diese Hierarchie komplett. Und am Ende, also so Spoiler Alert mäßig, driftet das auch komplett auseinander. Und so wie die aufeinander zugeflogen sind, die beiden Menschen, so stoßen sie sich alternativlos am Ende voneinander ab, weil es überhaupt keine Möglichkeit mehr gibt, das zu containen, also das zusammenzuhalten. Und es gibt aber auch nicht den Moment, in dem sie so equal sind, dass man von da aus einfach immer so weiter verfahren könnte. Es gibt nicht den einen Moment, in dem alles gut ist und perfekt und dass man das nur noch konservieren müsste und dann hätte man das Paradies auf Erden. Das geht auch nicht. Also so diskrepant, das am Anfang startet in der Hierarchie der beiden miteinander, so disparat, nur komplett remix ist es am Ende. Und das finde ich interessant, weil es wie so ein von Weiß ins Schwarze geht. Also es sind beides ein extrem positiv, negativ kann man jetzt behelfsweise viele Bilder für finden, aber vielleicht ist es verständlich, was ich versuche zu beschreiben. So diese Unausweichlichkeit der Wahrheit, die am Anfang da liegt und am Ende liegt die Wahrheit eben woanders und der Weg dazwischen ist das, was erzählt wird und.
Du findest das so, das hast du noch nicht so oft gelesen dann oder so dieses oder wie das da beschrieben.
Ist oder genau, ich habe noch nie diese Art von Geschichte, diese Art von Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, die ich sofort intuitiv verstehe, gelesen. Also dass man sich so verbinden kann mit beiden Figuren, dass man Verständnis und Empathie entwickelt für Standpunkte, die sich fast ausschließen, die sich aber total brauchen. Also diese dieses aneinander gekettet sein, dass man ohne den anderen sich einfach nicht komplett fühlt und ihn auch nicht lassen kann, obwohl man weiß, dass das, was man zusammen erzeugt, nicht haltbar sein wird. Und trotzdem, man rennt also eigentlich sehenden Auges in ein Ende hinein, aber man kann nicht umkehren oder anhalten und ich suche mir eine neue Richtung, neuen Menschen, ich suche mir einen neuen Weg. Ich bleibe nicht alleine, sondern ich gehe weiter, bis es zusammen nicht mehr geht. Und dann ist man so einsam, wie man war, bevor man sich überhaupt das allererste Mal gesehen hat. Aber bis zu diesem bitteren Ende ist man miteinander so verzweifelt oder desperat, das auch sein mag, von außen betrachtet, aber man ist irgendwo nicht allein.
Und hast du das das Buch damals zum ersten Mal gelesen, wann du so vielleicht, vielleicht ist es zu privat, aber so wenn du in eine ähnliche Situation war und das dir deswegen so richtig.
Getroffen hat, durchaus möglich.
Ja.
Ich habe vorher von dem, ich hab vorher von demselben Autoren andere Romane gelesen, die mich auch schon sehr berührt haben und die mir auch als Gefühl geblieben sind. Und trotzdem ist das, wonach du fragst, durchaus wahr. Also ich habe da damals, das ist mittlerweile schon viele Jahre her, dass ich das Buch Zärtlich ist die Nacht gelesen habe und trotzdem hat mich das vielleicht besonders berührt, weil ich darin irgendwas gespiegelt gesehen habe, womit ich mich selbst irgendwo in Kontakt setzen kann. Und das ist mir eben auch geblieben. Also diese, also nicht ich selber bin so geblieben, wie ich damals war, als ich das Buch gelesen habe, sondern das Gefühl, das aus dem Buch mir entgegengewachsen ist, das ist mir geblieben. Das meine ich eigentlich. Also ich kann das immer noch sehr gut aus einer Emotion heraus begreifen, was das sei und was auch daran unverwechselbar ist. Also was ich tatsächlich sehr mit. Ich kann noch gewisse Sätze erinnern, Ich habe das Buch damals im Original gelesen und nie auf Deutsch und habe jetzt eine deutsche Übersetzung mitgebracht, aber ich kann mich noch an so gewisse Dinge erinnern, die die da eben standen und die fallen mir manchmal noch ein.
Was für Dinge.
Es gibt so einen Dialog, ich weiß gar nicht, ob ich den jetzt so freihändig noch mal einigermaßen hinkriege, aber da sagt jemand, also das Paar unterhält sich, also das Paar, um das es da hauptsächlich geht, das unterhält sich irgendwann im Verlauf der Geschichte einmal mehr miteinander. Und dann sagt ein Mensch zu einem anderen Menschen so etwas, Ich erwarte von dir nicht, dass du mich für immer liebst und ich möchte, dass du versuchst nicht zu vergessen, dass von mir in Bezug auf dich immer ein Teil von mir so bleiben wird, wie er heute Nacht ist. Das ist mir hängengeblieben. Ich weiß nicht, ob das jetzt, ob mein Versuch irgendwie verständlich war in dem, was er transportiert oder was er versucht auszudrücken. Und das ist mir aber als Möglichkeit, etwas Wahres greifen zu wollen, so hängen geblieben, weil das diese Unausweichlichkeit des anderen so inkludiert. Es geht nicht nur um einen alleine, sondern es geht auch darum, dass man zusammen etwas hat. Und wenn der eine etwas entscheidet, hat das für den anderen konsequent Konsequenzen und umgekehrt. Also es gibt immer eine Wechselwirkung. Man kann nicht für sich etwas versuchen zu entscheiden, ohne dass der andere davon eine Konsequenz trägt. Wenn man sich so nah ist und eigentlich so profund vertraut, wie diese beiden Menschen, wie diese beiden Figuren in der Geschichte das tun, die vertrauen sich unfassbar. Das bringt sie auch zusammen. Also diese Sehnsucht nach nach einem ganz großen Bezugspunkt, der sich über Vertrauen definiert. Und ich glaube, dass der Satz das auch, den Satz, den ich gerade versucht habe zu zitieren, dass der das auch versucht zu greifen in einem bestimmten Moment. Der mag später anders begutachtet werden, aber in dem Moment ist das eine Wahrheit und die versucht ja auch fast schon eine Ewigkeit anzustreben. Also das, was die Worte sagen, ich bitte dich, vergiss nicht, dass ein Teil von mir immer so bleiben wird, wie er jetzt gerade ist. Das weist ja in eine ganz weite Ferne, von hier aus gesehen eine ganz unkonkrete Zukunft, aber in eine im Prinzip eine Ewigkeit. Und so verstehe ich das. Also das ist meine Art der Auslegung und da kann ich irgendwas finden, was mich hängen bleiben lässt daran.
Schön. Kannst du vielleicht dann das vorlesen, was du dann so Der Anfang eigentlich der Anfang.
Am Ufer der französischen Riviera, ungefähr auf halbem Weg zwischen Marseille und der italienischen Grenze, steht ein großes, stolzes, rosenfarbenes Hotel. Höfliche Palmen kühlen die errötende Fassade, vor der ein kurzer leuchtender Strand liegt. Vor zehn Jahren blieb es meist völlig verlassen zurück, wenn im April die englische Kundschaft wieder nach Norden zog. Erst neuerdings ist es zur Sommerfrische für Modebewusste und Prominente geworden. Zahllose Sommerhäuser umgeben es heute. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Geschichte beginnt, dürsten zwischen dem Hotel des Trang von Goos und dem fünf Meilen entfernten Cannes. Nur ein Dutzend alte Villen im Pinienmeer, deren halbverfallene Kuppeln wie Seerosen zwischen den Bäumen herausragten. Das Hotel und sein sonnengebräunter heller Gebetsteppichstrand bildeten immer schon eine Einheit. Am frühen Morgen strahlte die weit entfernte Ansicht von Cannes mit ihren alten gelbrosa Festungsanlagen und den violetten Bergen im Hintergrund über die Bucht und spiegelte sich zitternd in den kleinen Wellen und Blasen, welche die Wasserpflanzen an seichten Stellen heraufschickten. Noch vor acht kam ein Mann in einem blauen Bademantel herunter und paddelte nach ausgiebiger Befeuchtung seiner Person mit dem etwas zu kalten Wasser unter reichlichem Grunzen und Keuchen etwa eine Minute lang in den Fluten. Als er wieder weg war, hatten Bucht und Strand eine Stunde lang Ruhe.
OK, das ist jetzt. An was denkst du, wenn du das jetzt liest? Diese erste Seite oder der Anfang?
Die erste Seite, ganz genau. Ich erinnere mich an die Temperatur und an die an das Licht, das mir da vor Augen steht oder das mich das mir entgegenkommt, wenn ich das lese. Also es stellen sich ja sofort so Sinneseindrücke ganz plastisch eigentlich dar. Das ist wie so eine Perspektive aus der Luft, wie es beschrieben ist. Man kommt so langsam näher dem Gebäude und dann guckt man in die Ferne, was da so in der Distanz liegt und was man aber vielleicht irgendwo erkennt oder zumindest beschreiben kann. Dann nähert man sich dem Wasser und dann nähert man sich diesem Menschen, der da dem Wasser morgens entgegenkommt und nach dem Aufstehen anfängt Kontakt aufzunehmen mit diesem Element und dann da vielleicht eintaucht oder sich zumindest befeuchtet und dann ist man schon irgendwo hat man schon so ein Klima oder so ein Setting und man weiß ungefä ah, das ist die Welt, in der sich die Geschichte vielleicht nicht zur Gänze entfaltet, aber wo sie zumindest beginnt. Und das ist ja als erste Prägung wie so eine Fährte, die man aufnimmt, sehr markant. Und der Roman bleibt auch eigentlich erstmal in dem Gelände, das da jetzt am Anfang so anskizziert wird.
OK, ja, danke Constantin, danke dir.
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