Wer bin ich? - Trans*-Jugendliche zwischen Identitätsfragen und Tabus | WDR Doku

Transcript of a German WDR documentary exploring experiences of transgender youth. Through interviews with several adolescents (e.g., Tim, Linus, Nia), parents, and a clinician, it documents coming-out stories, social reactions (school, social media, family), medical options (puberty blockers, hormone therapy), doubts and reversals, and mental-health risks. The piece juxtaposes personal narratives, parental perspectives and a specialist’s view on treatment uncertainties and outcomes.
Questions this video answers
Linus ist 17 Jahre alt; mit 15 hat er sich geoutet.
Tim ist 11 Jahre alt; er erhält alle vier Wochen Pubertätsblocker.
Seit zehn Jahren nimmt Ben männliche Hormone.
Der Therapeut nennt 'etwas über 300' behandelte Minderjährige und etwa 5–6 Fälle, die nach Behandlung sagten, es sei nicht das Richtige (1–2 mit Hormonbehandlung/Blockade).
Chapters
Sein Name ist mittlerweile Linus.
Für mich sehe ich entweder aus wie ein Mädchen oder wie so ein jähriger Junge.
Ben hieß früher mal Yvonne.
Ich verstehe, dass da gewisse Fragen sind und dass man neugierig ist. Das verstehe ich alles.
Aus Mirja wurde letztes Jahr Tim.
Ich hatte immer das Gefühl, ich bin so und so möchte ich auch eigentlich jetzt erstmal für immer bleiben.
Und Nia war eine Zeit lang Felix ist aber jetzt wieder Nia.
Ich hab meinen Körper gehasst oder hasse ihn immer noch.
Und das bin Linda. Jo, meine Eltern haben mir einen weiblichen und einen männlichen Namen gegeben. Einfach so. Trotzdem war mir immer Ich bin ein Mädchen, keine Frage. Doch was, wenn Kinder und Jugendliche genau daran zweifeln? Ja, wenn es so einfach wär, Bart und schon bis n Mann. Machst du das manchmal, wenn du sauer bist?
Das sieht dann im Endeffekt so aus.
Ich bin bei Tim im Münsterland. Er ist elf und ihm war schon immer klar, dass er ein Junge ist.
Ich war das nicht.
Dem Tisch geht's gut. Seinen jungen Namen hat er sich vor einem Jahr selbst ausgesucht. Wie war das so für dich, als dir irgendwie klar geworden? Ich bin eigentlich gar kein Mädchen, Ich bin Junge.
Ich glaube, das war auch so größtenteils im Kindergarten, so früh schon. Und dann, weil ich auch eher so Lego gespielt habe oder auch draußen klettern war oder ähnliches. Mein Ziel ist es eigentlich mehr zu werden wie mein Bruder.
Also du bist ein richtiges Vorbild.
Da hinten.
Ein Minimi.
Da war Tim auch noch nicht.
Tim, ne, da konnte ich auch noch nicht springen.
Ging es nochmal so. War das am Anfang so, dass man immer so ein bisschen gedacht Das ist eine Phase, dass man dann erst irgendwann gemerkt hat, jetzt wird es doch irgendwie ernst Oder wie war das.
War vielleicht so beides, dass man vielleicht gedacht hat, es ist eine Phase, aber auch trotzdem hat man es schon irgendwo im Hinterkopf gehabt. Es kann auch in die Richtung gehen. Und wie geht man dann letztendlich dann mit um? Dadurch, dass ich etwas konservativer wohl erzogen bin, für mich am Anfang natürlich ein bisschen schwierig.
Das war ein Prozess. Das war nicht mit einmal so. Und jetzt bin ich aber, sondern das ist ja über Jahre. Jetzt ist es gerade Tim. Und wenn er in irgendeiner Form auch noch mal oh, vielleicht ist es irgendwo dazwischen, dann ist das so.
Es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche, die sagen, dass ihr Geburtsgeschlecht nicht passt. Mir fällt darunter sind vor allem biologische Mädchen. Die Zahlen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Viele fragen sich, womit das zusammenhängt. In der Medizin ist das Thema auch noch relativ neu. Viele trans Jugendliche berichten mittlerweile im Internet ganz offen von ihren Erfahrungen. Hier finde ich auch einige, die bereit sind, mit mir zu sprechen. Linus ist 17, mit 15 hat er sich geoutet und allen gesagt, dass er ein Junge ist.
Schön.
Du hast gerade gesungen. Bitte schwör mir, dass du meine Augenfarbe nie vergisst, weil es das Einzige, was sich nicht ändern wird.
Ja, eigentlich schreibe ich immer Songs, wenn ich irgendwas verarbeite. Aber hauptsächlich sind es dann die Themen, die Transthemen.
Aber irgendwann werden das so Songs aus deiner Vergangenheit sein.
Ja, voll gut.
Hast du noch ein Foto von dir, wie du früher eigentlich ausgesehen hast? Ja, ich meine, du hast ja deine weibliche Pubertät komplett durchgemacht. Das war doch dann wahrscheinlich super hart, oder?
Das war echt eine Qual. Ich trage halt auch Binder, das bindet halt die Brust ab. Also hier zum Beispiel sieht so aus wie so ein Unterhemd Oberteil und da trage ich jetzt auch immer zwei Stück übereinander jeden Tag.
Krass.
Ja, ich kann teilweise nicht atmen, aber es ist komplett wert. Anders kann ich nicht leben, weil ich sonst einfach nicht rausgehen würde. Ich würde mich unwohl fühlen.
Das ist ja richtig hart hier, richtig fest. Das ist ja null dehnbar. Das ist schon anders als ein Sport BH jetzt so. Und davon trägst du zwei übereinander.
Ja, aber das wirkt halt auch wunder. Also man sieht gar nichts, ne?
Man sieht nichts. Wann hast du eigentlich das erste Mal gemerkt, dass es so was gibt wie trans sein? Das weiß man ja als Kind gar nicht.
Also das erste Mal habe ich eine Doku darüber gesehen, Das war auch 2017 und ich fand das halt total interessant. Und dann habe ich diese Doku nochmal gesehen und nochmal und nochmal und nochmal.
Krass.
Und dann ist mir später erstmal Warte mal, warum gucke ich diese Doku die ganze Zeit? Und da ist mir Was ist was denn, wenn ich auch so bin? Und damit haben auch die Gedanken begonnen.
Hast du das schon gelesen hier?
Er ist cool. Er ist echt ein großes Vorbild für mich. Ja, weil er einfach schon alles durch hat und auch so offen damit umgeht.
Ja, und wenn du dir das jetzt hier so anguckst, ich mein, der war halt auch mal eine Frau sogar. Bis er 23 war.
Ja, echt unvorstellbar.
Das heißt, alles ist möglich.
Wirklich?
Ja, weil ich meine, das hier, das checkt doch niemand, oder? Dass der hier meine Frau war. Seit zehn Jahren nimmt Ben männliche Hormone. Diese Power hier kommt aber nicht allein vom Testoster. Darin steckt vor allem jahrelanges hartes Training. Sehr gut. Könntest du auch ohne Sport?
Nein, auf keinen Fall. Never. Ich brauch das. Also wie die Luft zum Atmen.
Ich treffe Ben vor Corona. Wir passen also noch locker zu zweit auf. Ein Foto. Typen wie er sind für viele trans Jugendliche ein Vorbild. Ben ist mittlerweile ein gefragtes Model. Poser Bilder auf Instagram natürlich ein Muss.
Kaffeetrinken ist immer gut.
Da denke ich, da denkst du halt. Da denkst du auch immer, das ist freundlich.
Du siehst so nett aus.
Du siehst immer nett aus.
Sonst gucke ich immer so ernst. Das mag ich schon sehr gerne. Und schlau ist er auch. Oh Gott, da koche ich nackt.
Da kochst du nackt. Du kochst immer nackt wahrscheinlich.
Ich koche tatsächlich super krass und oft in Boxershorts.
Aber wenn du das jetzt so siehst, hättest du früher gedacht, dass du mal so aussiehst?
Ne, auf gar keinen Fall. Ich hab das oft so, wenn ich vorm Spiegel stehe und mich so angucke, dann denk ich manchmal ey krass, echt, das bist du so. Ich bin dann richtig happy.
Was kriegst du da so für Kommentare?
Ich hab eine Nachricht mal bekommen von jemandem, Der war über 50 und der hat mir geschrieben, nach 53 Jahren traut er sich jetzt endlich seinen Weg zu gehen. Ich bin schuld daran. Und daran wollte er und er wollte mir einfach mal Danke sagen. Mega.
Ja, wie cool.
Also ich krieg coole Nachrichten auf jeden Fall. Ich kriege nichts Negatives.
Manche sagen ja so irgendwie Social Media und Medien. Dadurch, dass das Thema trans da auch jetzt viel präsenter ist, dass das manche Jugendliche vielleicht erst anregt, darüber nachzudenken und dann auch zu Vielleicht bin ich trans, obwohl das gar nicht stimmt. Was sagst du dazu?
Das ist ja so ein bisschen, dass gesagt wird, das ist ein Trend vielleicht gerade ganz ehrlich, bei 17 Operationen, die ich hatte und den Schmerzen, die ich hatte, das ist kein Trend. Und wenn einer meint, das ist Trend und der muss das machen, weil es gerade in ist hier. Also glaube ich nicht, ist einfach nur Quatsch. Ich denke, dass sich immer mehr zu Wort melden, weil das Thema einfach mehr Präsenz hat, weil sie sich trauen und nicht, weil sie denken, ah, das ist jetzt gerade hip, sondern einfach, weil diese Hemmschwelle zu Hey, so geht es mir auch. Und einfach zu sehen, da sind so viele, denen geht es genauso. Ich bin kein Paradiesvogel, Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Die ist einfach geringer. Und das würde ich sagen, ist was Gutes.
Mädchen oder Junge? Für manche Jugendliche ist die Frage gar nicht so leicht zu beantworten. Doch über Zweifel zu sprechen ist irgendwie tabu. Nia hat sich bei mir gemeldet, sie ist 19. Mit 17 hat sie sich als trans geoutet und wurde Felix. Doch dann hat sie gemerkt, dass das auch nicht richtig passt. Du kennst wahrscheinlich beide Umkleiden hier, ne?
Ja, also zuerst bin ich immer in die Herren Umkleide reingegangen und dann, nachdem ich das Outing zurückgezogen hab, bin ich dann wieder in die Umkleide rein.
Das heißt, wir gehen jetzt in die Mädchen um, Kleine. Na dann nach dir. Was denkst du so, wenn du in den Spiegel guckst? Wer ist das denn?
Also mittlerweile erkenne ich mich selbst. Ich hatte eine Zeit, wo ich in den Spiegel geguckt habe und mich gar nicht erkannt hab.
Warum?
Weiß ich nicht. Also irgendwie war die Reflexion nicht ich. Also da hatte ich gar keine Verbindung zum Spiegelbild.
Und fällt dir das schwer, dich jetzt im Spiegel irgendwie so anzugucken?
Mach's nicht gerne.
Du hast mir gesagt, du hast schon mal so genau studiert, wie Männer gehen. Ja, wie gehen Männer?
Also ich hab mir das halt angeguckt, wie Männer halt gehen zum Beispiel. Zum Beispiel, dass sie halt die Schultern anstatt die Hüften bewegen beim Laufen oder dass sie die Handrücken.
Wusste ich gar nicht, Ne?
Ich auch.
Oder dass sie die Handrücken halt so haben, anstatt so, Also nach vorne gedreht.
Warum?
Ich denke, das macht auch mit den Schultern was, dass die so breiter wirken.
Also wenn ich jetzt so gehe, fühle.
Ich mich sofort händisch.
Wie war der Moment, als du deinen Eltern das gesagt hast? Das war doch bestimmt krass, oder?
Extrem. Also ich hab extrem geweint. Also ich war sehr aufgeregt und ich wusste halt nicht, was auf mich zukommt, weil ich nicht wusste, wie meine Eltern dazu stehen.
Wie war das für sie?
Ja, ich war überrascht geschockt? Auf keinen Fall, weil ich vorher schon mich mal auseinandergesetzt habe mit dem was ist, wenn dein Kind oder wenn deine Kinder homosexuell sind. Mein Kind soll zufrieden sein und dafür möchte ich was tun und mein Kind möchte ich da auch unterstützen.
Aber sich dann als trans zu outen, ist ja schon noch mal anders.
Das ist noch mindestens eine Stufe höher. Ich kann mir auch jetzt nicht vorstellen, was da in Linus vorgeht, weil ich sowas Vergleichbares auch nicht kenne.
Ich fand das schon sehr schwierig.
Ist nicht einfach, wenn man ein Mädchen verliert?
Ja, das glaube ich. Also hatte man dann echt so erstmal das Gefühl, wo ist meine Tochter hin? Ja, und dann natürlich auch die Angsten, dass ich nicht sicher war.
Gerade am Anfang. Das könnte ja einfach nur eine Tasche.
Sein und ich will auch nichts falsch machen. Eltern sein ist bei diesem Thema echt nicht leicht. Das merke ich in den Gesprächen. Nichts falsch machen, nichts voreilig entscheiden. In jeder Familie ist das Thema, vor allem, weil sich auch Ärztinnen und Ärzte nicht immer einig sind. Tim und seine Eltern haben noch ein bisschen Zeit, bis sie sich wirklich für einen Weg entscheiden müssen. Das ist echt richtig cool. Und in der Schule, wie ist es da so?
Ich habe meistens gesagt, ich bin im falschen Körper geboren und ich möchte halt lieber ein Junge sein. Entweder akzeptieren die das oder halt nicht. Aber die sollen mich halt nicht jedes Mal damit nerven.
Da fällt mir jetzt ganz spontan eine Situation ein. Ich auch, wo Tim dann in der Pause auf einmal weinend zu mir gekommen ist, wo ich dann natürlich erstmal komplett geschockt war. Da hat ihn wohl jemand einfach auf dem Schulhof zu sich gerufen und Hast du eigentlich einen Penis? Und das war für ihn dann natürlich Warum fragt er das? Der weiß das doch eigentlich. Und das ist jetzt wieder so Provokation. Und ich bin dann damit hingegangen und hab dann mit ihm zusammen eine Lehrerin angesprochen, dass wir das eben klären können. Und ist es für dich gut, dass.
Dass deine Geschwister jetzt auch auf der gleichen Schule dann sind?
Es ist so gesehen perfekt. Svea geht jetzt zwar und dann habe ich immer noch Jane und der kann bei sowas auch ganz schön sauer werden.
Ernsthaft. Die Schulen in NRW gehen unterschiedlich mit dem Thema Umkleiden, Toiletten, Schwimmunterricht, auch das alles plötzlich Fragen, die geklärt werden müssen. Auf seiner Schule ist Tim das einzige trans Kind. Kennst du denn noch andere Kinder, die das betrifft?
Also ich wusste wohl schon, ich bin nicht alleine damit, aber ich kannte einfach niemanden, der das auch hat, sag ich mal, oder der sich auch so fühlt. Man kann ja nicht sagen, der es auch hat. Das hört sich dann irgendwie an wie eine Krankheit. Es ist einfach wichtig für mich, dass man sich da nicht hinter verstecken muss, weil man einfach Angst hat vor dem kompletten Stress. Hatte ich aber auch erst am Anfang. Was ist das so, dass ich wiederholen muss? So ist meine Geschichte und ich weiß nicht, warum das so ist. Ihr sollt mich so akzeptieren, wie ich bin. Das kann ich jetzt nicht jedem vorschreiben, aber ich fände es einfach besser, wenn es so wäre.
Nia hat vieles ausprobiert, eher wie ein Junge sein und dann doch wieder typisch Mädchen. Es ging hin und her trans sein, das hörte sich irgendwann nach der Lösung an, aber die Zweifel blieben und die spüre ich bei ihr auch heute noch ganz deutlich.
Eins von meiner Konfirmation. Und ich weiß noch, wie ich am Morgen auf gar keinen Fall dieses Kleid anziehen wollte.
Man sieht es so leicht in deinem Blick, auch so in deiner Haltung so ein bisschen skeptisch. Wer hat dir gesagt, dass du das Kleid anziehen sollst? Mama, auf dem Bild bist du Felix.
Ja, ich hab mich in der Zeit irgendwie ein bisschen beklemmt gefühlt, weil ich okay, ich gehe so sicher damit um und habe aber eigentlich total große Zweifel und hatte das Gefühl, dass ich irgendwie jeden anlüge damit. Und dann habe ich das Outing quasi wieder zurückgezogen.
Und war es dann am Ende schwieriger, das Outing zurückzunehmen? War das schwerer als das Outing selbst?
Auf jeden Fall, weil man sich natürlich auch Gedanken gemacht, ob man irgendwie damit der Trans Community schadet. Inwiefern? Ja, weil viele oder zumindest bekomme ich das so mit, dass manche behaupten, es wäre ein Trend oder es gibt so Transtrender, die nur einem Trend hinterherlaufen und damit den richtigen Transgendern schwieriger machen. Und da will man natürlich nicht dazu beitragen, dass sie irgendwie nicht ernst genommen werden.
Also bist du jetzt froh, dass du nicht mit der Hormontherapie angefangen hast?
Ja, warum? Weil ich keine Fehler machen will und nicht später, wenn das behandelt ist, bereuen möchte, dass ich mich halt verändert habe, weil eine tiefe Stimme kriegt man nicht mehr weg. Deswegen will ich da nicht irgendwie schon eingreifen, bevor ich mir nicht hundertprozentig sicher bin.
Linus hat mich zu seiner Bandprobe eingeladen. Seine Freunde kennen ihn noch als Mädchen, sie haben ihn aber längst als Jungen akzeptiert. Linus kann es kaum erwarten, mit der Hormontherapie zu starten, jetzt wo er sein Outing hinter sich hat. Ich weiß noch genau, ich hab ihm gerade die Haare gefärbt währenddessen und plötzlich belana, ich muss dir was sagen. Ich bin eigentlich ein Junge. Und für mich war es eigentlich total okay.
Also ich dachte tatsächlich am Anfang auch.
Linus wäre irgendwie lesbisch oder so, aber.
Trans passt dann da doch tatsächlich viel besser.
Er war ja eigentlich schon immer Linus, nur dass wir es noch nicht wussten.
An den neuen Namen haben sich hier alle schnell gewöhnt. Mit seinem Freund Joel ist Linus vor ein paar Monaten zusammengekommen, als er schon als Junge lebte. Hast du dann, als du ihn das erste Mal gesehen hast, gedacht, das ist ein Junge oder ein Mädchen?
Also ich dachte beim ersten Mal tatsächlich, es ist ein Junge. Meine beste Freundin war davon überzeugt, dass er ein Mädchen ist. Ich hab Nein, das ist ein Junge. Guck ihn dir an. Er ist vielleicht vom Verhalten her ein bisschen feminin, aber es ist auf jeden Fall ein Junge.
Nochmal, um das irgendwie klarzukriegen, auf welches Geschlecht man steht, hat nichts damit zu tun, als welches Geschlecht man sich selbst empfindet.
Absolut nicht. Es gibt trans Leute, die bi sind. Watero Das macht eigentlich absolut kein Unterschied. Ich persönlich stehe auf Jungs.
Für Tim geht's häufiger zum Kinderarzt. Ich darf mit. Mittlerweile können trans Kinder schon vor der Pubertät behandelt werden. Du kannst schon mitkommen. Tim bekommt hier alle vier Wochen Pubertätsblocker. Und bist du aufgeregt? Ne, Deine wievielte Spritze? Ist das jetzt die 8 oder 9?
OK.
Und wie viele kommen dann da noch so?
Also ich kann die jetzt noch ungefähr anderthalb Jahre nehmen, weil sich dann der Körper auch irgendwann entwickeln muss. Das ist so ähnlich wie ein Stoppknopf, könnte man sagen. Die stoppt dann theoretisch die weibliche Pubertät.
Und das ist etwas, wo wir als Eltern auch ganz klar sagen, da können wir gut mitgehen. Ich muss noch keine Entscheidung treffen, Hormone ja oder nein, Sondern erst Bremse, um dem Kind Zeit zu verschaffen.
Bist du bereit?
Können wir ja los.
Dann machen wir das mal.
So geschafft.
Heldenhaft.
Du drückst drauf.
Wunderbar, tut weh.
Das war's.
Die brennt ein bisschen.
Aber im Großen und Ganzen.
Tim hat noch nie irgendwelche Probleme gehabt. Die Verträglichkeit gerade bei dieser Bremse, in.
Anführungsstrichen, wenn wir die jetzt spritzen, die ist extrem gut. Das ist auch ein Argument dafür, das so zu machen.
Jugendliche so früh wie möglich behandeln, so lang wie möglich abwarten. Schwierige Frage. Da sind sich auch die Fachleute nicht einig. Einer der bekanntesten Trans-Therapeuten sitzt in Michael Schukay. In seine Praxis kommen immer mehr trans Menschen und sie werden immer jünger. Auch Linus fährt nach mehreren Therapeutenwechseln jetzt regelmäßig von Essen hierher.
Wir haben uns länger nicht gesehen. Wie sieht's aus?
Ich hatte ja eine Zeit lang Kopfschmerzen. Das habe ich eigentlich ziemlich selten, die letzten Wochen vielleicht einmal, weil du immer.
Noch eine Schonhaltung hast. Man macht natürlich unwillkürlich, damit die Brüste nicht zu sehen sind, macht man natürlich so.
Es ist viel seltener, dass ich mich irgendwie extrem schlecht fühle oder so. Ist eigentlich jetzt nur noch die Freude da, dass es bald losgeht mit der Therapie.
Und selbst wenn man zweifeln würde, zweifeln ist erlaubt. Das heißt also, wenn du jetzt in zwei, drei Monaten, was ich nicht glaube und du wahrscheinlich auch nicht, aber wenn es so sein sollte, du würdest feststellen, dass es Effekte hat, die dir nicht gefallen, die dir das Gefühl vermitteln, das ist falsch. Dann kann man die Hormonbehandlung ohne Folgen absetzen. Das Einzige, was nach etwa zwei bis drei Monaten beginnt sich zu verändern und unter Umständen bleibt, wenn man dann sehr viel länger hormonell behandelt, ist die Veränderung der Stimme.
Fühlst du dich jetzt vorbereitet für deine erste Spritze?
Auf jeden Fall sehr gut, dann sehen.
Wir uns, dann machts gut. Kommt nach Hause. Transsexualität bei Jugendlichen und Kindern ist auch in der Medizin seit einigen Jahren ein viel stärkeres Thema. Wie die Behandlung genau aussehen soll, darüber streiten die Fachleute viel. Was aber allen auffä In der Pubertät outen sich deutlich mehr trans Jungen, also biologische Mädchen. Womit hängt das zusammen?
Maskulines Verhalten bei Mädchen wird mehr toleriert als feminines Verhalten bei Jungs. Die soziale Akzeptanz ist tendenziell etwas größer als andersrum.
Das heißt, dass die anderen vielleicht auch da sind, aber sich noch weniger trauen. Das ist der Grund.
Und sie haben es tendenziell auch schwerer.
Es gibt ja auch viele Therapeuten und Ärzte, die da nicht so schnell reagieren, die sagen, wir warten erstmal ein ganzes Jahr oder wir warten die Pubertät ab, die auch Hormonbehandlungen und auch diese Pubertätsblocker ablehnen.
Was sagen Sie dazu?
Also Kollegen sind natürlich sehr vorsichtig, weil sie die Angst haben, das Falsche zu tun. Nur aus der Angst heraus, das Falsche zu tun, vielleicht in einem von zehn Fällen die anderen neun Fälle sich unbeeinflusst entwickeln zu lassen, den jungen Mann 2,03 groß werden zu lassen, der sich wie ein Mädchen fühlt und so weiter. Stimmbruch, Bartentwicklung. Also das heißt, eine Entwicklung entstehen zu lassen, wo man hinterher nur noch hinterherlaufen kann, ist natürlich, wenn man sich das wirklich mal vorstellt, unverantwortlich. Etwa die Hälfte aller Minderjährigen berichtet über mindestens einen Suizidversuch.
Und trotzdem gibt es ja auch einige, einige wenige, die den Prozess starten und dann doch irgendwann merken, ist doch nicht ganz so richtig. Die teilweise auch schon Hormone genommen haben oder OPs hinter sich haben. Und das dann wieder rückgängig machen. Das gibt es schon.
Man kann keine hundertprozentige Sicherheit haben. Wer das von sich verlangt und glaubt, dass das möglich ist, der kennt sich nicht aus. Aber man kann, wenn man sich Zeit nimmt und vor allem, wenn man zweifelt auch als Behandler sich mehr Zeit nimmt, kann man die Wahrscheinlichkeit relativ verringern. Bei den Minderjährigen fallen mir jetzt spontan von dem ganzen Kollektiv, was ich gesehen habe, das sind etwas über 300 die ich behandelt habe, fallen mir vielleicht 5 oder 6 ein, die nach begonnener Pubertätsblockade in einem Fall oder zwei Fällen auch nach begonnener Hormonbehandlung gesagt haben, das ist es nicht.
Auch für Nia ist es das nicht, Zumindest im Moment nicht. Aber du malst schon auch viele Frauen.
Ich glaube, die sind schöner. Das Bild ist entstanden, als ich mich geoutet hab, als lesbisch. Da sieht man halt so die neue Seite von mir und die alte. Ich glaube, da war ich einfach ganz, ganz in mich gekehrt und traurig und hab den Sinn einfach nicht mehr gesehen.
Also ist das so ein Selbstmordgedanke?
Ja, das da hab ich quasi, also weil ja manchmal auch gesagt wird, ja, trans sein ist falsch und dann quasi versucht, auf ein Bild zu Ja, was ist denn falsch, wenn man sich selbst hasst oder so sehr hasst, dass man sich auch selbst verletzt oder sich halt einfach umwandeln lässt?
Das sehe ich jetzt erst ritzen.
Ja, das war ganz lange ein Thema bei mir. Dadurch, dass ich dann noch die Depression hatte, habe ich mich total leer gefühlt und dann ist so ein Schmerz einfach echt gut manchmal.
Nia dreht fast täglich Videos für TikTok oder Instagram. Okay, okay, zeig mal.
Viele sagen, ich bin Vorbild für die. Als ich das das erste Mal geschrieben habe bekommen, fand ich das ein bisschen komisch und viele sagen, ich bin total selbstbewusst und so weiter. Und dann denke ich mir aber eigentlich bin ich das gar nicht. Aber wenn ich alleine in meinem Zimmer bin und da meine Videos drehe, dann irgendwie schon.
Ist es manchmal leichter, auch über das Thema im Internet zu sprechen, als jetzt so in der echten Welt.
Ja, also weil man ja kein direktes Gegenüber hat. Und man kann sich natürlich dann auch leichter mit Menschen in Verbindung setzen, die sich ähnlich fühlen, die aber vielleicht nicht um die Ecke wohnen. So Leute, ich muss einfach mal was ansprechen, was mir tierisch auf die Nerven geht. Und zwar gibt es, glaube ich, kein TikTok mehr von mir. Wo nicht die Frage drunter Bist du ein Junge, Bist du Mädchen? Was bist du? Ich bin biologisch ein Mädchen. Ich kleide mich wie ein Junge. Das nennt man Tomboy. Ich bin kein Transboy, auch wenn ich lange Zeit mein Geschlecht angezweifelt habe. Aber hier nochmal für Ich bin ein Mädchen. Ich bin ein Tomboy. Ich stehe Frauen. Und wer damit nicht klarkommt, einfach auf mein Profil gehen und entfolgen.
Tim fühlt sich eindeutig als Junge, aber nicht alle sind sich so sicher, ob sie Mädchen, Junge oder vielleicht auch irgendwo dazwischen sind. Ich merke, um das wirklich herauszufinden, muss man genau hingucken, Zweifel zulassen und sich die Zeit nehmen, die man braucht. Wie ist denn das eigentlich bei euch so? Denkt ihr auch zwischendurch noch manchmal, Vielleicht ist das der falsche Weg und Tim könnte es doch irgendwann wieder bereuen.
Ich persönlich glaube nicht, dass er einen Rückzieher macht oder sich nochmal umentscheidet. Ich denke eher, es wird dabei bleiben.
Er ist schon sehr klar in dem, was er so an Vorstellungen hat. Und ich glaube, er macht sich da auch viele Gedanken drüber. Und hat das für sich selber auch schon sehr durchgespielt.
Also nicht so, sondern so.
Hast du schon mal richtig auf die Nase gekriegt? Nein, nein. Es kann ja jetzt auch sein, wenn wir den Film zeigen, dass da auch wieder irgendwelche doofen Kommentare kommen.
Egal, weil ich spreche für ein Thema, wo ich auch wirklich mittendrin bin und da kann ich mich hinmachen, zurückziehen und habe ich nur gemacht, weil so und so.
Das.
Wär irgendwie blöd.
Linus kriegt heute seine erste Testosteronspritze. Um zum Mann zu werden und zu bleiben, muss er sein Leben lang Hormone nehmen.
Ich bin so aufgeregt. Ich bin auch schon so gespannt auf die ganzen Veränderung. Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen, wie das dann alles sein wird. Ich hab Linus heute noch mal gefragt.
Und hast du dir in der letzten.
Zeit noch mal Gedanken gemacht, ob das.
Wirklich der richtige Weg ist? Jetzt wird es ja wirklich ernst. Und dann sagte Linus ja, weil einfach sicher ist, das ist der richtige Weg. Ja, dann auf geht's.
Ich drücke euch die Daumen.
Dankeschön.
Ein Neuanfang und gleichzeitig irgendwie ein Abschied. Also wir dürfen da jetzt nicht mit rein, aber ich wollte trotzdem dabei sein, deswegen warten wir jetzt einfach werden wer man ist. Dafür nehmen diese Jugendlichen echt viel auf sich und beschäftigen sich mit richtig großen Fragen. Im Gegensatz zu früher trauen sich heute mehr. Und eins ist mir unüberlegt. Geht hier niemand an die Sache ran. Grinsen im Gesicht. Wie ist es?
Ich fühle mich auf jeden Fall besser.
Ja, krass. Und spürst du schon irgendwie irgendwas?
Also ich spüre nur, dass sich das auf jeden Fall gerade irgendwie in meinem beIN verteilt. Spüre ich schon.
In welchem beIN ist es denn? Da ist jetzt also ganz viel Testosteron und es breitet sich jetzt aus.
Genau.
Ja krass. Und glaubst du aus dem Tag heute kannst du einen guten neuen Song machen?
Stimmt.
Wie wird er heißen?
Beginning.
Beginning. Das ist gut.
Und irgendwann bin ich ein richtiger Junge.
Genau.
Und dann ist alles geschafft.
Dann ist alles geschafft.










