Wie man Kinder & Jugendliche inspirieren kann - Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther im Interview mit SoT

Interview excerpt in which Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther criticizes conventional schooling and argues that education should invite, encourage and inspire children to self-develop. He emphasizes neurobiological findings that learning requires intrinsic interest and emotional engagement, warns against reward/punishment and standardized grading systems that destroy curiosity, and proposes schools as strong communities where teachers act as companions ("Potenzialentfalter") and learners work collaboratively on meaningful projects within broader communal contexts.
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Die Schule selbst drückt sich ein bisschen davor, das zu formulieren, also jedenfalls unser offizielles Schulsystem. Und dann werden immer sehr schnell schöne Worte gesprochen. Aber im Grunde genommen geht es ja bei der Schulbildung darum, dass Kinder und Jugendliche eingeladen, ermutigt und inspiriert werden, sich all das Wissen anzueignen und all die Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben, die sie brauchen, um sich in dieser Welt, und das ist eben jetzt die Welt des globalisierten Zeitalters im 21. Jahrhundert auch wirklich zurechtzufinden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und diese Anlagen und Talente, die in jedem Kind irgendwie verborgen sind, auch tatsächlich zur Entfaltung zu bringen. Das ist ein schwieriges Geschäft und das kann man nicht in Einrichtungen umsetzen, die ein bisschen so wie Erbsensortieranlagen funktionieren, wo die Guten von den Schlechten ausgelesen werden oder die wie so ein Rasenmäher über alle hinwegziehen mit irgendwelchen Lehrprogrammen. Es wird auch schwierig, sowas zu machen mit Menschen, die sich selbst als Wissensvermittler verstehen. Und es wird auch schwierig, solange wir überhaupt noch so einen Begriff für Bildung haben. Der Begriff Bildung ist eigentlich sehr ungünstig, genauso wie Erziehung. Die neueren Erkenntnisse aus der Hirnforschung zeigen uns ja, dass es nicht möglich ist, dass man einen anderen Menschen bildet oder erzieht, sondern das sind ja alles Prozesse, die sich im Gehirn des Kindes oder des Jugendlichen oder des Erwachsenen vollziehen müssen. Das heißt, es sind immer eigene Umbauprozesse, die derjenige in seinem Hirn in Gang setzen muss, der da was lernt. Besser ist das im Englischen, dort heißt es education und das kommt aus dem Lateinischen und heißt, dass man jemandem dabei hilft und ihn dabei unterstützt, dass er herausgeführt wird, also nicht aus der Dummheit herausgeführt wird, sondern hinaus in das reale Leben. Und das bedeutet, dass Lehrer nicht mehr Wissensvermittler sein können, sondern Begleiter. Begleiter von jungen Menschen, die sich auf den Weg machen, all das sich anzueignen, was sie für die Welt von morgen brauchen. Es müsste eine Schule sein, die so ist, dass die Schüler sich am Sonntagabend schon freuen, dass sie am Montag wieder in die Schule gehen können. Das heißt, wir bräuchten eigentlich Schulen nicht pflichtgemäß von Schülern absolviert werden, sondern wo etwas passiert, was so spannend ist, dass die Schüler dorthin wollen, dass sie vielleicht sogar weinen, wenn Ferien sind, weil sie nicht mehr hin können. Im Augenblick sind wir weit von diesem Modell weg. Voraussetzung dafür, dass Schüler in der Schule tatsächlich ihre Potenziale entfalten, sich anstrengen, sich Wissen aneignen und sich konsequent an bestimmten Themen versuchen, dass sie auch versuchen, Dinge umzusetzen, ist, dass man ihnen Aufgaben gibt, an denen sie wachsen können. Das reicht alleine meistens noch nicht. Man kann nicht alleine als Einzelner seine Potenziale entfalten. Man braucht immer andere dazu. Deshalb müsste eine Schule auch eine ganz starke Gemeinschaft sein. Also die müssen sich wohlfühlen mit den anderen und sie müssen das Gefühl haben, dass sie alle gemeinsam auf einem Weg sind, sich dieses Wissen zu erschließen, sich bestimmte Themen zu bearbeiten und die auch gemeinsam zu lösen. Und das ist wahrscheinlich immer noch nicht genug. Schüler, vor allem wenn sie noch jünger sind, wissen ja noch gar nicht, worauf es so im Leben ankommt. Und deshalb brauchen sie eigentlich sehr verantwortungsvolle und hochkompetente Erwachsene, die sie auf diesem Weg begleiten. Diese Erwachsenen müssten Menschen sein, die nicht die Vorstellung haben, dass sie Kinder nach ihren Vorstellungen bilden, sondern das müssten gewissermaßen Suchende sein. Das müssten welche sein, die nach dem suchen, was in diesen Kindern heraus will, was da in diesen Kindern angelegt ist an ganz besonderen Talenten und Begabungen. Und da müssten sie eine Art von Unterricht machen, der dann gar nicht mehr Unterricht heißen dürfte, sondern das müssten Entdeckungsreisen sein. Das müssten Werkstätten sein, in denen sich Kinder und Jugendliche das Wissen aneignen, was in den Lehrplänen steht, aber ohne dass man es ihnen vermittelt. Mit anderen Man müsste eine 9. Klasse haben beispielsweise, die irgendwie durch die kompetente Arbeit eines Erwachsenen zusammengeschweißt ist zu einem leistungsorientierten Team. Und die wollen jetzt alle wissen, wie die Photosynthese funktioniert. Und dann machen die sich auf den Weg. Und innerhalb von zwei Wochen haben die das herausgearbeitet, wie die Photosynthese funktioniert und wozu die da ist und was man dazu alles wissen muss. Und das ist nun selbst erarbeitetes Wissen. Und das behalten die auch, weil in dieser Art von selbstständigem Erschließen von Wissen etwas stattfindet, was wir inzwischen aus der Hirnforschung eben gelernt haben, was die Voraussetzung dafür ist, dass Wissen auch nachhaltig im Hirn verankert werden kann. Es muss dann nämlich, außer dass man die Fakten liest oder hört, noch etwas dazu kommen, nämlich dass es einen interessiert, dass man sich sozusagen darüber freut, dass man sich das aneignen kann, dass man am besten sogar begeistert davon ist, dass man was lernen kann. Und das geht am besten mit anderen gemeinsam. Und immer dann, wenn das passiert, dass man Probleme löst, zu irgendeiner neuen Erkenntnis kommt, wenn man irgendwas Neues hinzulernt, irgendeine neue Fähigkeit erwirbt, freut man sich. Und das führt im Hirn dazu, dass die emotionalen Zentren aktiviert werden. Also das sind Zellgruppen, die liegen im Mittelhirn und diese Zellen haben so wunderschöne lange Fortsätze, die reichen in alle anderen Bereiche des Hirns. Und dann werden immer dann, wenn man so eine innere Freude empfindet oder wenn man sich für irgendwas, was man da gerade tut, begeistert, dann werden diese Zellgruppen aktiviert und an den Enden dieser langen Fortsätze werden dann sogenannte neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet. Und die funktionieren so ähnlich wie Dünger für das Hirn. Das heißt, die lösen in den nachgeschalteten Neuronenverbänden rezeptorvermittelte, wie man das nennt, rezeptorvermittelte intrazelluläre Signaltransduktionsprozesse aus, die die Genexpression ändern. Und dann fangen praktisch die Nervenzellen, die man im Zustand der Begeisterung benutzt hat, dann fangen die plötzlich an, Eiweiße zu bilden, die diese Nervenzellen brauchen, um nochmal neue Fortsätze zu bilden, neue Kontakte zu machen, bestehende Kontakte fester zu machen. Und mit anderen Worten führt das dann dazu, dass das, was man im Zustand dieser Freude sich erschlossen hat und was man dabei im Hirn an neuronalen Netzwerken aktiviert wird, dass das Gefäß nicht gewissermaßen gedüngt und ausgebaut wird. Und das kann man dann auch sehen. Das kann man auch mit diesen modernen Verfahren der Hirnforscher, mit diesen sogenannten funktionellen bildgebenden Verfahren, Computertomographie, Kernspintomographie, kann man das dann auch nachweisen. Die Schüler, die wir in der Schule haben, haben alle schon ungünstige Erfahrungen gemacht mit ihrer Neugier, eigentlich ist das Wort Neugier schon ein furchtbares Wort, also mit ihrer Entdeckerfreude und mit ihrer Gestaltung. Schlussendlich Und jeder, der nur Kinder großgezogen hat, weiß, dass es am Anfang des Lebens so ist, dass jedes Kind diese Neugier schon mit auf die Welt bringt. Also Kinder sind nie wieder in ihrem Leben so entdeckerfreudig, so gestaltungsfroh, so offen und auch so beziehungsfähig wie damals, als sie noch ganz klein waren. Und in der Phase hat jedes Kind 50 bis 100 Mal am Tag irgend so einen Sturm der Begeisterung, wo es irgendwas entdeckt, wo es irgendwas findet. Und dann geht 50 bis 100 mal diese Gießkanne der Begeisterung in dem Hirn an Und dann kommt 50 bis 100 mal dieser Dünger raus. Und deshalb lernen Kinder so viel in dieser Phase. Und das sitzt auch. So lernen die lesen, Basolandi, die ersten Worte sprechen, so lernen die dann auf zwei Beinen gehen und so lernen sie dann eigentlich all das, was ihnen wichtig erscheint. Und wichtig erscheint, ist immer das, oder wichtig erscheint einem Kind immer das am Anfang, was denen wichtig ist, mit denen es sich eng verbunden fühlt. Deshalb kann auch keiner, der ein Dienstleister ist, ein Kind begleiten auf seinem Lernweg, sondern man muss das Kind auch mögen. Das passiert ja in sehr vielen Schulen. Ich weiß nicht, ob es nicht auch in Montessori-Schulen oder in Waldorfschulen. Oder auch in freien Schulen passiert. Es geht eben ganz schnell, dass Kinder in Lernumgebungen kommen, in Erfahrungswelten kommen, wo sie plötzlich spüren oder das Gefühl haben, dass sie so wie sie sind, nicht gesehen werden, dass sie etwas machen sollen, was andere von ihnen verlangen, dass sie geformt werden sollen, dass sie erzogen und gebildet werden sollen. Und das führt sehr leicht dazu, dass sich das Kind in dem, was es tatsächlich leistet, nicht gesehen fühlt. Und dann ist es enttäuscht, dann hört es auf und dann will es auch nichts mehr wissen. Nun will es mit den Erwachsenen manchmal gar nichts mehr zu tun haben, dann lehnt es dir auch noch ab. Dann ist es in diesem tiefen Bedürfnis, was es ja schon mit auf die Welt gebracht hat, frustriert dieses Bedürfnis, sich dieser Welt zu erschließen, sich immer mehr Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten anzueignen, immer freier zu werden und auch immer autonomer. Das wird dann verletzt, dieses Bedürfnis. Und wenn dieses Bedürfnis verletzt wird, tut das einem Kind weh. Die Hirnforscher können inzwischen sogar zeigen, dass die Verletzung solcher psychischen Grundbedürfnisse wie dieses Bedürfnis nach freier Entfaltung und dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit, was alle Kinder auch haben. Wenn das verletzt wird, dann werden im Hirn die gleichen neuronalen Netzwerke aktiviert, die auch immer dann aktiv werden, wenn einem körperliche Schmerzen zugefügt werden. Das heißt, diese Kinder leiden und in diesem Leid gibt es nicht mehr so sehr viele Möglichkeiten, was sie dann tun können, weil sie haben das ja nicht selbst erzeugt. Es ist ihnen ja durch Erwartungshaltungen von Erwachsenen und bestimmten Erfahrungen, die sie da machen mussten, gewissermaßen zugefügt worden, dass sie sich nicht gesehen gefühlt haben, dass sie keine Aufgaben gefunden haben, wo sie mal zeigen können, was sie tatsächlich drauf haben, oder dass sie gemerkt haben, dass sie immer nicht dazugehören, dass sie nicht richtig sind, so wie sie sind. Dieses Leid können Kinder dann nur versuchen zu kompensieren. Irgendwie muss man damit fertig werden. Das häufigste, was Kinder dann machen, ist, dass sie, weil sie das, was sie eigentlich bräuchten, nicht kriegen, suchen sie sich irgendwas, was sie kriegen können, Ersatzbefriedigung. Das reicht dann von schönen Klamotten bis hin zu den Computerspielen. Da ist das Spektrum auch sehr groß. Da braucht unsere Gesellschaft auch offenbar sehr viele, die mit solchen ungestillten Bedürfnissen herumlaufen, damit diese vielen Warenangebote dann auch ihre Abnehmer finden. Das, was noch schlimmer ist, was Kindern passiert und passieren kann, wenn sie spüren, dass sie nicht gesehen werden und dass sie sich nicht entfalten können, dass sie nicht dazugehören dürfen, dann gezwungen sind, dieses Leid, diesen Schmerz irgendwie zu überwinden, ist, dass sie für sich selbst lernen, sich Verschaltungen ins Hirn zu bauen, die diesen Schmerz nicht mehr spürbar machen. Dann wird man aus der Gruppe ausgeschieden, weil man die falschen Turnschuhe anhat und es tut nicht mehr weh. Solche Kinder gibt es auch, denen tut das nicht mehr weh, wenn die keine Aufgaben mehr finden, an denen sie wachsen. Die wollen sogar gar keine mehr haben, die wollen auch nicht mehr dazugehören. Der Preis ist, die spüren den Schmerz nicht mehr. Aber da das ja dieselben Netzwerke sind, die da aktiviert werden, die man auch braucht, um sich selbst zu spüren und seinen eigenen Körper zu spüren und den körperlichen Schmerz auch mal spüren zu können, spürt die sich selbst auch nicht mehr. Das sind dann Kinder, die zum Beispiel immer dicker werden, wo die Gelenke rufen mit ihren Rezeptoren und den Nervenbahnen zum Das tut weh, du bist zu dick. Spüren die nicht, die essen weiter. Oder wo man ganz krumm rumsitzt und irgendwie der ganze Körper so geht das nicht. Du musst dich mal aufrichten, du musst dich mal bewegen. Nein, die bleiben dann so sitzen vor dem Fernseher, vor dem Computer oder wo auch immer. Das heißt, solche verletzten Grundbedürfnisse führen dazu, dass Menschen sehr leicht dazu neigen, die Sensitivität zu verlieren, die sie brauchen, um sich selbst zu spüren. Und wer sich selbst nicht spürt, der spürt auch andere nicht mehr. Wer kein Gefühl mehr für sich hat, kann auch kein Gefühl für andere entwickeln. Und dann haben wir das ganze Spektrum der Beziehungsstörungen, die wir in unserer Gesellschaft beobachten. Das, was, glaube ich, am allermeisten weh tut, ist, wenn man nicht dazugehören darf. Das brauchen Kinder ganz dringend. Sie haben ja während dieser ersten neun Monate im Mutterleib, haben sie diese Erfahrung täglich gemacht, dass sie auf untrennbare und engste Weise mit jemandem verbunden gewesen sind. Und aus dieser Erfahrung, die wird dann im Hirn verankert, erwächst die Erwartungshaltung, dass das da draußen so weitergeht. Und wenn man dann spürt, dass man so wie man ist, nicht richtig ist, weil irgendjemand, mit dem man eigentlich verbunden sein möchte, meint, man solle lieber anders sein und dann an dem Kind herumerzogen wird, dann sieht man, dass man eigentlich diese Verbundenheit verliert. Dann fällt man aus dieser Verbundenheit und das tut weh. Und Kinder, die aus diesem Gefühl herausfallen, die verlieren dann automatisch auch ihre Neugier und ihre Entdeckerfreude. Dieses Bindungssystem im Hirn, wenn das sozusagen aktiviert ist, weil man es nicht stillen kann, hemmt automatisch das Explorationssystem. Deshalb ist das Schlimmste, was einem Kind passieren kann, dass es in seiner Einzigartigkeit nicht gesehen wird, dass es das Gefühl hat, dass es bei Menschen aufwächst, mit denen es sich nicht wirklich so, wie es ist, verbunden fühlen kann, weil es nicht so, wie es ist, angenommen wird, weil man ihm nichts zutraut, weil man immer irgendwas aus ihm machen will, weil es, um es ganz böse zu sagen, wie ein Objekt behandelt wird. Wir kommen ja aus einem vorigen Jahrhundert, in dem Menschen gebraucht worden sind, die immer gut funktioniert haben. Da kam es darauf an, dass die sich immer so verhalten haben, wie wir das wollten, dass die auch in der Schule sich das Wissen angeeignet haben, was man ihnen dort angeboten hat und dass sie dann draußen in der Gesellschaft so funktioniert haben, wie es notwendig war, damit diese Gesellschaft überhaupt als Ganzes funktionieren konnte. Und das war eine Maschinenbauer und Industriegesellschaft. Da kam es darauf an, dass junge Menschen am Ende aus der Schule kamen und so funktioniert haben wie die Maschinen. Wirklich sogar so perfekt wie die Maschinen wollten die Menschen selbst sein. Dafür gibt es dann auch schöne Belege, wenn man noch mal im vorigen Jahrhundert herum guckt. Und in einer gewissen Weise ist es so tief uns in Fleisch und Blut, wie man das so sagt, in uns hineingegangen, dass wir bis heute immer noch so ein bisschen im Sprachgebrauch merkt, wie wir uns selbst mit Maschinen verwechseln. Da geht die Pumpe nicht mehr richtig oder das Gelenk muss mal geschlossen werden oder man muss mal zum Reparateur oder man muss mit irgendwelchen Nahrungsergänzungsstoffen noch mal was nachfüllen, damit es innen wieder besser läuft. Das sind alles Ausdrücke aus dem Maschinenzeitalter. Und wenn man will, dass Menschen funktionieren, dann gibt es da zwei Möglichkeiten, die man einsetzen kann, nämlich, dass man dieses Verhalten von außen steuert, durch Belohnung oder durch Bestrafung. Und das hat man natürlich auch gemacht. Man hat versucht, bestimmte Verhaltensweisen und bestimmte Lerninhalte, die angeeignet werden sollten, mithilfe von Belohnungen und Bestrafungen zu erzeugen. Oder eben, dass das, was man wollte, gelernt wird. Und da kann jeder sich vorstellen, was dabei passiert. Es ist nur eine Schande, dass wir das bis heute vor uns selbst noch nicht zugeben. Erstens ist es so, dass wenn man jetzt zum Beispiel ein Gedicht lernt und lernen muss, weil man sonst eine mit dem Stöckchen, wie das noch vor 100 Jahren vielleicht der Fall war, mit dem Stöckchen auf die Finger bekam oder weil man Gefahr läuft, dass man dann keine gute Zensur kriegt und dann aus der Schulkarriere herausfällt oder weil man zu Hause irgendwelche Bestrafungen erwartet, weil man nicht gut genug ist in der Schule. Also wenn, wenn man mit Bestrafung dazu gebracht wird, ein Gedicht zu lernen, dann kann das durchaus funktionieren, dass man das lernt. Aber was man dabei wirklich lernt, ist ja nicht das Gedicht, sondern wie man der Strafe entkommt. Und das Lernen des Gedichtes ist ein Nebeneffekt und deshalb wird es dann auch so sein, dass man eigentlich Gedichte nicht mag, weil die ja mit einem negativen Gefühl gelernt worden sind. Dann ist es im Hirn immer so, dass das, was man lernt, sich mit dem verkoppelt, was man dabei empfindet. Und das negative Gefühl des Bestraftwerdens, wenn man es nicht richtig macht, verkoppelt sich dann eben mit diesem Lerninhalt. Das führt dann dazu, dass man Gedichte nicht mag. Andere mögen Mathe nicht. Viele Jungs können nicht singen und glauben, sie könnten gar nicht singen und kriegen auch Bauchschmerzen, wenn sie mal wieder singen sollen, weil sie in bestimmten Unterrichtssituationen vorgeführt worden sind. Und was man mit solchen Bestrafungslernmethoden erreicht, ist, dass die Kinder und Jugendlichen immer besser werden im Austricksen, im Vermeiden von Bestrafungen durch immer geschickteres Lavieren durch das System hindurch. Und dasselbe gilt in komplementärer Weise für Belohnungen. Wenn ich dafür belohnt werde, dass ich irgendetwas tun, dann tue ich es ja nicht für Mathe oder für Deutsch oder für Biologie oder für Ich mache es wegen der Belohnung. Der Nebeneffekt ist nur, dass ich auch ein bisschen was in Deutsch oder in Mathe auch lerne. Aber im Grunde genommen habe ich nur gelernt, wie ich in meinem Leben mich verhalten muss, damit ich Belohnungen kriege. Und dann entstehen auf diese Weise unter Einsatz dieser Dressurmethoden entstehen eben interessierte Leute, also welche, die funktionieren, die gelernt haben, wie man sich so durcharbeiten muss durch das Belohnungs und Bestrafungssystem, die aber keine richtige Lust mehr haben. Das ist genau das, was nun im 21. Jahrhundert das Schlimmste. Ist, was jungen Menschen passieren darf, dass sie ihre Lust am eigenen Entdecken und Gestalten, am eigenen Lernen verlieren. Und das ist die beste Methode, mit der man diese Lust in den Kindern zerstört, indem man sie mit Bestrafungen oder mit Belohnungen versucht dazu zu bringen, dass sie es lernen soll. Es ist ziemlich schwierig mit den Zensuren, weil jedes Kind natürlich irgendeine Form von Rückmeldung braucht. Nun haben wir in unseren Schulen uns angewöhnt, diese Rückmeldung zu standardisieren mit Hilfe dieser Noten und dieser Bewertungssysteme. Das wäre auch noch nicht so schlimm, wenn nicht diese Noten dann am Ende zu Selektionskriterien gemacht würden für den weiteren Schulerfolg. Das heißt, was die Schüler wollen, ist eine gute Rückmeldung über ihre Leistung, aber was sie bekommen, ist eine Qualifikation und das Öffnen oder Verschließen von Türen für weitere Entwicklungen. Und das ist klar, dass das nicht geht, dass das jedes Kind erschreckt und dass jedes Kind dann am Ende plötzlich gar nicht mehr so sehr an der wirklichen Rückmeldung über seine Leistung interessiert ist, sondern nur noch an der guten Note, weil es weiß und gelernt hat in diesem System der Benotungen, dass es nur mit der guten Note in seiner weiteren Berufsplanung und was dann alles hinten zukommt, auch Chancen hat, das zu werden und das zu machen, was es sich einfach mal vorgenommen hat. Und dann werden Schüler abhängig von den Noten und das wird so stark internalisiert, dass die dann selbst in den Schulen nach Notengebungen verlangen. Und dann hat man ein Riesenproblem. Dann werden Noten nicht nur benutzt, um eine solide Rückmeldung zu bekommen über die eigene Leistung, sondern sie werden benutzt als Karriereleiter. Das ist Belohnung und Bestrafung im weitesten Sinn. Schlechte Noten sind Bestrafungen, gute Noten sind Belohnungen. Und was Schüler dann lernen, ist eben, wie sie mit möglichst wenig Aufwand möglichst gute Noten kriegen, ist relativ einfach. Das heißt, sie lernen die Gesetzmäßigkeiten und die Organisationsprinzipien dieser Erbsen-Sortieranlageschule mit ihrer Notengebung. Kennen schon sehr früh, oftmals schon bevor sie überhaupt in die Schule kommen, haben sie verstanden, wie das dort funktioniert. Und dann geht es überhaupt nicht mehr ums Lernen, dann geht es nur noch um das Erreichen guter Abschlüsse und das eine Katastrophe, weil man auf diese Weise natürlich die Lust und die Begeisterung an der eigenen Fähigkeit, Neues zu lernen, sich neues Wissen anzueignen, das, was es auf dieser Welt alles gibt, auch entdecken zu wollen und auch als Gestalter sich in diese Welt hinein bewegen zu wollen, weil man das natürlich damit völlig unterminiert. Dann kommen eben Kinder raus, die nur noch so funktionieren wie das System, indem sie diese Erfahrungen gemacht haben. Nämlich sind dann welche, die nur noch gute Noten haben wollen. Das ist uns allen so gegangen, das ist auch allen Eltern so gegangen. Deshalb können sich Eltern auch gar nicht vorstellen, wie Schule funktionieren sollte ohne Noten. Es ist so stark internalisiert, können sich auch die wenigsten Eltern vorstellen, dass Kinder von ganz alleine was lernen, dass die von sich aus Verantwortung übernehmen, dass die leistungsbereit sind. Dabei weiß jeder, dass ein Kind, was zum Beispiel laufen lernt, ein Höchstleister ist das Erlernen einer Sprache oder vielleicht sogar bei manchen Kindern, wenn die Eltern verschiedene Muttersprachen haben, das Erlernen von zwei Sprachen, die ein Kind sozusagen fast mühelos hinlegt scheinbar. Das sind Höchstleistungen, die man aus neurobiologischer Sicht gar nicht hoch genug schätzen kann. Erschließen Sie sich mal aus dem Nichts eine Sprache und das innerhalb von einem Jahr. Das ist unglaublich. Das heißt, Kinder sind per se Höchstleister. Die haben auch keine Lust, sich mit Mittelmaß zufrieden zu geben, sondern die werden dann mittelmäßig und lustlos, wenn sie von uns in diese Bewertungsmaschinerien gesteckt werden. Die Tatsache, dass wir in unseren Schulsystemen immer noch diese Zensuren haben, hat etwas mit dieser Leichtigkeit der Standardisierung zu tun. Also man muss ja irgendwie ein bisschen messen, was die drauf haben. Das Einfachste sind die Zensuren. Da man natürlich für die weiterführenden Ausbildungsgänge auch immer die besten nehmen will, steckt man automatisch in dieser Falle, dass man Zensuren benutzt, um über Karrieren zu entscheiden, über Lebenswege zu entscheiden. Und wenn Das Kinder mit 16 so langsam mitkriegen, dass das so läuft, dann ist das nicht so schlimm. Aber wenn das Kinder in der dritten und vierten Klasse in der Grundschule schon merken, dann ist das eine Katastrophe. Was man bräuchte, sind andere Feedbacksysteme über die Leistung. Es gibt Ansätze, dass das über Portfolios gemacht wird, dass also Schüler gewissermaßen für sich selbst dokumentieren, was sie alles gelernt haben. Das ist ein sehr schönes Verfahren, weil es dem Schüler hilft, seine eigenen Lernfortschritte selbst nicht nur zu dokumentieren, sondern sie durch die Dokumentation selbst zu verstehen. Das ist also eine Art selbstreflexives Lernen, was dann stattfindet, wenn ich einem Schüler die Gelegenheit gebe, aufzuschreiben, was er jetzt in der letzten Woche oder im letzten halben Jahr gelernt hat und wo er noch eigentlich weiter lernen möchte, weil das noch nicht so richtig weitergeht, weil er an bestimmten Stellen noch spürt, selbst spürt, dass er Schwächen hat. Das wird alles dann noch viel leichter, wenn man das Lernen nicht als einen Prozess betrachtet, der so nur dazu da ist, dass man mehr lernt, sondern wenn man Kindern und Jugendlichen dann auch die Gelegenheit gibt, das Gelernte anzuwenden. Also wenn die gemeinsam an irgendwas arbeiten, wenn die gemeinsam irgendwas richtig Tolles machen wollen, dann können die unglaubliche Erfahrungen machen, dann können die Ersten sehr schnell merken, wo sie an ihre Grenzen kommen. Das ist auch sehr wichtig, weil sie vielleicht noch nicht genug gelernt haben, Dann fehlt ihnen eben ein Stück Mathe Und dann müssen sie sehen, dass sie das sich noch aneignen, weil sie sonst, was weiß ich, das Baumhaus, was sie da bauen wollen, nicht gemeinsam hinkriegen. Das heißt, die Spüren im gemeinsamen Tun, im Arbeiten, im Gestalten von wirklich wichtigen Dingen, die auch möglicherweise sogar von anderen gebraucht werden, wo sie wirklich was Bedeutsames leisten, nicht irgendein Projekt abarbeiten, sondern wirklich was Bedeutsames leisten. Für die Schule kann das was sein, es kann aber auch für die Kommune was sein, es kann sogar in Unternehmen, in Handwerksbetrieben etwas sein, wo Schüler plötzlich zeigen können, was sie da alles schon zustande bringen. In diesem Tun spüren sie natürlich am allerschnellsten und auf die beste Weise, wo es noch fehlt und was sie noch bräuchten. Und weil sie das Werk zustande bringen wollen, entsteht auch eine Eigenmotivation, sich dieses noch fehlende Wissen und diese noch fehlenden Fähigkeiten anzueignen. Und noch besser funktioniert das immer dann, wenn ein Schüler das nicht alleine machen muss, sondern wenn er das im Team mit anderen macht. Also diese Erfahrung, dass man in einem Team mit anderen sich die Welt erschließt, dass man im Team mit anderen etwas entdeckt, etwas gestaltet oder sich noch besser sogar um etwas kümmert, ist ja die allerschönste Erfahrung, die man überhaupt machen kann. Dann entstehen auch andere junge Menschen. In diesen gegenwärtigen Systemen entstehen doch zwangsläufig Menschen, die sich immer nur definieren können in dem, was sie besser können als andere. Ich bin der und der, der das und das und das besser kann als die anderen oder der das und das hat, was die anderen nicht haben. Das ist im Grunde genommen gar keine Identität, die auf diese Weise ausgebildet wird. Das ist egozentrik. Identität kann ein junger Mensch dann ausbilden, wenn er spürt, dass er mit seinen besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten, mit seinem besonderen Wissen, was er sich angeeignet hat, auf diese ganz besondere Weise zum Gelingen von etwas beitragen kann, was alle gemeinsam vorhaben, was alle gemeinsam wollen. Und wer so lernt, der spürt auch, dass diejenigen mit denen er sich auf den Weg macht, ganz unterschiedlich sind, dass jeder was anderes kann. Und wenn das, was richtig Kompliziertes ist, was die alle gemeinsam machen wollen, dann spürt auch jeder, dass das gut ist, wenn die anderen nicht dieselben sind und nicht die gleichen Erfahrungen gemacht haben und nicht dasselbe können, sondern wenn jeder wirklich was ganz, ganz anderes an eigenen Erfahrungen, an eigenen Fähigkeiten, an eigenen Kenntnissen mitbringt. Das sind dann sogenannte individualisierte gem. Gemischte Teams, würde man sagen. Und die braucht man immer dann, wenn man wirklich komplizierte Dinge machen will, wenn man komplizierte Probleme lösen will. Das kann kein Einzelner mehr, sondern dann braucht man die Erfahrung der anderen. Und auf diese Weise lernen Kinder und Jugendliche in solchem gemeinsamen sich um etwas kümmern, gemeinsam etwas Bedeutendes aufzubauen, lernen die auch sich selbst zurückzunehmen. Das ist vielleicht aus der neurobiologischen Perspektive sogar noch der interessanteste Aspekt. Wenn ich gemeinsam mit anderen etwas will, dann hat das plötzlich für mich einen Vorteil, dass ich auch mal meinen Frust, den ich im Moment vielleicht gerade habe, unterdrücke, dass ich irgendein Bedürfnis, was ich gerade mal habe, jetzt mal zurückstelle. Das heißt, Kinder lernen auf diese Art und Weise den Nutzen von Disziplin erfahren. Das sind alles die allerwichtigsten Fähigkeiten, die menschen für das 21. Jahrhundert brauchen, dass sie nicht ständig ein Opfer ihrer Affekte und ihrer Bedürfnisse sind, sondern dass sie das auch lenken und steuern können, dass sie sich einbringen können und dass sie vor allem merken, dass das Spaß macht, dass man gemeinsam mehr erreicht als einzelne und dass man sogar gemeinsam mit anderen Dinge zustande bringt, die man als Einzelner gar nicht kann. Das sind zum Teil ganz banale Sachen. Nehmen Sie einfach mal die Erfahrungen, die man machen kann, wenn man gemeinsam Theater spielt. Da kommt ein Stück raus, keiner kann das alleine auffirmen, aber man braucht ganz unterschiedliche Leute, welche, die die Bühnendekoration machen, welche, die die Regie führen, welche, die die Schauspieler abgeben, welche, die die Kostüme machen. Also man braucht ein ganzes Team von unterschiedlich begabten Leuten und jeder kann sich auf seine Weise dafür einbringen, dass das gemeinsame Werk gelingt. Ganz banal Chor singen. Singen Sie mal alleine und singen Sie mal mit anderen gemeinsam. Und dann merken Sie, da entsteht mit den anderen etwas, was unendlich viel größer ist als das, was sie alleine hinbekommen. Und diese Erfahrung ist eigentlich die größte Mangelerfahrung, die Kinder und Jugendliche heutzutage machen müssen, nämlich dass sie gar nicht mehr Gelegenheiten haben zu spüren, wie schön das ist und was da plötzlich rauskommt, wenn man es gemeinsam mit anderen macht. Grund dafür ist diese Wettbewerbsgemeinschaft, die wir hier aufgebaut haben. Das soll nun eine Leistungsgesellschaft sein, in der man glaubt, dass man Höchstleistungen dadurch erzielt, indem man andere wegbeißt oder sich gegenüber anderen durchsetzt. Das Ergebnis davon ist, dass der eine oder andere schon zu irgendwelchen Höchstleistungen kommt, aber dass dabei ganz viele auf die Strecke bleiben, auf der Strecke bleiben und dass alle, auch die Höchstleister, eben diese Erfahrung nicht machen können. Wie schön es ist, wenn man gemeinsam sich auf den Weg macht und wie relevant das ist, das kann man heute sehen an solchen Äußerungen von Leitern der beispielsweise Forschungs und Entwicklungsabteilung von der BASF und der sagt, wir merken seit ungefähr zehn Jahren, es wird nie wieder auf dieser Welt einen Chemiker geben, der alleine eine Formel findet, die dazu führt, dass wir daraus ein Produkt entwickeln können. Die Möglichkeiten des Einzelnen, eine chemische Formel zu finden, als wäre man irgendwas machen kann, sind erschöpft. Chemie ist sozusagen von lauter Einzelkämpfern bis zu Ende erschlossen worden. Das, was es da an Formeln zu finden gibt, ist gefunden. Jetzt geht es nicht mehr alleine weiter. Das Zeitalter der Einzelkämpfer ist vorbei. Jetzt, sagt er, bräuchten wir ein Team von zehn Chemikern, wo jeder was anderes kann. Und nicht nur Chemiker, sondern auch Verfahrenstechniker und Betriebswirtschaftler und Marketingstrategie. Die müssten alle ihr ganz unterschiedliches Wissen in einen Topf werfen und dann käme ein Produkt heraus, das tatsächlich wieder innovativ wäre, was uns weiterhelfen würde. Das heißt, in der Wirtschaft ist die Phase des Einzelkämpfertums sowieso schon vorbei und ich weiß gar nicht, warum wir sie ständig auch noch in unseren Schulen weiter propagieren. Wir brauchen keine Einzelnen mehr. Das, was einzelne Menschen im Guten wie im Bösen zu leisten imstande sind, haben wir uns im vorigen Jahrhundert bewiesen. Das brauchen wir nicht mehr. Jetzt könnten wir uns mal gegenseitig zeigen, was dabei herauskommt, wenn wir uns gemeinsam auf den Weg machen. Es ist sehr schwer in unserer Gesellschaft über Freiheit zu reden, weil die meisten Menschen unter Freiheit immer nur die Freiheit von irgendetwas verstehen, frei von Fesseln frei von Druck, frei von Abhängigkeiten. Das ist eine passive Freiheit, die hat eigentlich in Wirklichkeit mit Freiheit noch nicht so sehr viel zu tun. Das ist gewissermaßen die Vorstufe von Freiheit. Aber wenn man dann die Fesseln und den Druck und die Abhängigkeiten losgeworden hat, dann beginnt die Freiheit. Nämlich dann darf man sich selber fragen, wofür man denn eigentlich gehen möchte, was man in seinem Leben und aus seinem Leben machen möchte. Und das ist dann die Freiheit. Nicht wovon, sondern die Freiheit, sich für etwas zu entscheiden. Und das ist vielleicht die wichtigste Erfahrung, die junge Menschen machen müssten, dass sie in eine Welt hineinwachsen, in der sie die Gelegenheit haben, Ja zu sagen zu sich selbst, zu dem, was das Leben alles an Möglichkeiten bietet und auch zu dieser Vielfalt von anderen Menschen, die alle mit unterschiedlichen Talenten und Begabungen auf die Welt gekommen sind und die alle auf ihre Weise auch unterwegs sind, nach dem zu suchen, was man das große Dilemma nennt, nämlich dass man eigentlich immer eine Beziehungsform findet, in der man gleichzeitig frei ist von allem Möglichen und aber auch verbunden. Deshalb brauchen wir eigentlich eine neue Beziehungskultur. Und die kann man nicht mit Methoden entwickeln, möglicherweise auch nicht mit bestimmten Schulformen. Es gibt bestimmte Schulformen, die vielleicht bessere Voraussetzungen dafür bieten, dass sich so eine neue Beziehungskultur entwickelt, in der tatsächlich Schulen Orte werden, wo die Schüler die Erfahrung machen, dass sie in ihrer ganzen Einzigartigkeit gesehen werden und dass sie die Möglichkeit bekommen, dort etwas zu leisten, ihre Talente wirklich bis zur Meisterschaft zu entfalten. Aber das hängt weniger von der Schulform ab, nach meinen Erfahrungen, sondern es hängt von den erwachsenen Pädagogen ab, die diese Kinder begleiten. Und es hängt in einem hohen Maße von den Erfahrungen ab, die diese Kinder schon, bis sie überhaupt in die Schule kommen, gemacht haben. Und oftmals sind das schon so viele negative Erfahrungen, dass sie auch in der Schule schon die Lust aufs Lernen verloren haben, dass sie schon dort nicht mehr frei entscheiden können, was sie lernen wollen, sondern immer nur noch raus wollen aus diesem System von Druck und Abhängigkeit. Es ist ein riesiges Problem, wenn man in der Schule Schüler hat, die schon durch bestimmte Schulerfahrungen durchgegangen sind oder wenn man in der Schule welche bekommt, die schon im Kindergarten bestimmte Erfahrungen gemacht haben, haben. Wenn man die dann was möchtest du denn gern? Dann geben die bisweilen sehr sonderbare Antworten, die heißen ich möchte lieber Fernsehen gucken und ich möchte lieber überhaupt nichts machen und ich möchte chillen und ich möchte einfach. Also das sind immer Antworten, die deutlich machen, dass das Kind in dem Entwicklungsweg oder auf dem Entwicklungsweg, den es durchlaufen hat, schon gar nicht mehr gelernt hat oder ganz und gar verlernt hat, sich für etwas zu entscheiden, sondern das sind alles so Entscheidungen, wie sie die von den Erwachsenen übernommen haben oder wie sie die von ihren älteren Geschwistern oder von Peers übernommen haben. Und das sind ja in unserem Land weit verbreitete Haltungen, dass Lernen etwas ist, was nicht schön ist, ähnlich wie Arbeiten, was man also muss. Und diese Haltungen eignen sich dann diese kleinen Kinder auch schon an. Und wenn man die dann fragt, was willst du? Dann sagen die häufig, jetzt will ich nach Hause gehen, chillen, gar nichts machen. Und deshalb reicht es nicht als Lehrer einfach zu fragen, was willst du? Sondern ein guter Lehrer müsste eigentlich noch ein bisschen was mehr können. Der müsste in sich die Verantwortung spüren, dieses Kind wiederzuerwecken, wenn es denn schon so eingeschlafen ist mit seinen tiefsten Bedürfnissen. Es müsste ein guter Lehrer eigentlich jemand sein, der ein Kind einlädt und ermutigt und inspiriert, etwas zu wollen, nochmal was zu wollen, also nochmal etwas entdecken zu wollen, etwas ausprobieren zu wollen, nochmal irgendwas gestalten zu wollen. Und das ist ein sehr aktiver Job. Das ist kein Lernbegleiter. Das ist auch keiner, der die Kinder fragt, was sie wollen. Und das wäre einer, der wie ein Funkensprüher eigentlich ständig den Funken der Begeisterung auf diese Kinder überträgt, dass die wiedererweckt werden. Ich nenne das immer Potenzialentfalter. Das wären Menschen, die es fertig bringen, ein Schüler ein Gegenüber für etwas zu begeistern, was dem auf den ersten Blick vollkommen egal ist. Es ist relativ leicht, diesen Funken in einem Kind noch mal anzuzünden, wenn man es nicht beim Funken sprühen belässt. Das heißt, wenn das Kind plötzlich mit diesem Funken etwas machen kann, was für das Kind selbst bedeutsam ist, wo es sich plötzlich was erschließen kann, und dann hält sich sozusagen dieser Funke und aus dem Funken wird eine Glut und diese Glut geht dann immer weiter. Und mit dieser Intentionalität geht das Kind dann in Lernprozesse hinein. Die Frage Wie kriegt man das hin? Und das kriegt man nicht hin, indem man den Kindern erzählt, was es alles Tolles gibt auf der Welt, sondern indem man sie selbst zum Akteur der eigenen Lebensgestaltung macht. Es gibt in Indien eine Schule, ich hab vergessen, wo sie eigentlich ist, aber die scheint so gut zu funktionieren und die hat ein Geheimnis. Das Geheimnis ist nicht, dass die dort einen besonders guten Unterricht machen. Das ist auch keine freie Schule und auch keine demokratische. Die Lehrer kommen aus der ganzen Welt dahin, weil aus dieser Schule so viele tolle Absolventen kommen, die dann in Harvard und Oxford und sonst wo wunderbar, wie man das im Englischen sagt, performen. Und dann kommen die Lehrer dahin und gucken sich diese Schule an, sind entsetzt, 60 Schüler, Frontalunterricht, der Lehrer liest was vor, die sprechen das alle nach und das kann doch gar nicht sein. Und dann fahren die meisten wieder weg, ohne das Geheimnis dieser Schule erkannt zu haben. Das Geheimnis dieser Schule besteht darin, dass diese Schüler, die in diese Schule gehen, alle miteinander einen geheimen Vertrag unterschrieben haben, der heiß Wir lernen, damit wir anderen Menschen beim Lernen helfen können. Das ist das Commitment und das ist das gemeinsame Ziel. Das ist das Ziel jedes Einzelnen und das ist das Ziel aller Schüler, die diese Schule besorgen. Und unter diesen Umständen, wenn die wissen, wofür die lernen, können sie den Unterricht das hört sich jetzt ganz hart an, aber sie können den Unterricht so schlecht, wie sie wollen machen. Die gehen dann trotzdem abends noch in die Bibliothek und eignen sich das Wissen an, weil sie wissen, wenn sie das nicht alles an Kenntnissen sich angeeignet haben, werden sie auch anderen nicht beim Lernen helfen können. Das ist ein Geist, der einer solchen Schule herrscht und der trägt diese gesamte Schule. Und da kommt es nicht auf Methodik und Didaktik des Unterrichts an, da kommt es noch nicht mal mehr so sehr auf die Qualität des Lehrkörpers an, sondern kommt es auf diesen gemeinsamen Geist an. Der ist uns in unseren Schulen hoffnungslos abhandengekommen. Ich weiß auch gar nicht, ob wir in Deutschland jemals in Schulen einen Geist hatten. Auf den ersten Blick glaubt man, dass das sozusagen eine sehr differenzierte und individuelle Begleitung der Einzelnen. Auf den zweiten Blick stellt man möglicherweise fest, dass jeder Schüler sich dann mit seinen ganz persönlichen Stärken und Schwächen sieht, wenn die alle gemeinsam für etwas unterwegs sind. Das heißt, da fördert man nicht den einzelnen Schüler, sondern gibt man allen gemeinsam eine Chance, sich auf den Weg zu machen. Und dabei merken die schon wer was kann und wer nichts kann und wer noch was lernen muss. Und dann ist das individuelle Förderung, die dann entsteht, weil dann jeder für sich das Motiv hat, sich in Bezug auf die Defizite, die er noch hat, noch weiter zu verbessern. Und was sie dann als Pädagoge oder als Potenzialentfaltungscoach in so einem Falle eigentlich primär schaffen müssten, ist diese gemeinsame Intention. Also wofür lernt man was? Und wenn man das wüsste und man auch verstanden hätte, dass man niemals für sich allein was lernen kann, sondern dass es immer auf andere bezogen ist, dass es immer auf ein mit anderen Menschen gemeinsam zu führendes Leben bezogen ist, dann ergeben sich plötzlich Aufgaben für Kinder, die sind so toll. Und es gibt auch Schulen, in denen man dann beobachten kann, wie Kinder plötzlich auf blühen, wenn die nur allein diese Möglichkeit bekommen, sich um Dinge zu kümmern, die in dieser Welt wirklich wichtig sind. Klimabotschafter, Sprachbotschafter, Botschafter der Freundlichkeit. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie man sich als Schüler auch schon als ganz kleiner Schüler auf eine Weise in diese Gesellschaft einbringen kann, dass man tatsächlich weiß und spürt, dass man mit seinem Beitrag wichtig ist, damit das, was wir alle gemeinsam auf diesem Planeten haben, auch erfüllbar wird. Was ist denn unser Auftrag als Menschen auf diesem Planeten? Ist doch nicht, den so abzuwirtschaften, bis er nicht mehr bewohnbar ist und dann irgendwo anders hinzufliegen, sondern das, was hier entstanden ist, so zu bewahren, dass diese Vielfalt nicht nur die Vielfalt an Pflanzen und Tieren, sondern auch die Vielfalt an Kulturen und die Vielfalt an menschlichen Möglichkeiten aufrechterhalten bleibt. Dafür macht es Spaß, sich einzusetzen. Das macht jedes Kind gern. Und dann sind die ganz unglaublich gern Klimabotschafter oder Umweltaktivisten und was es da nicht alles gibt. Und man sieht es ja auch, wie gut es funktioniert, es die pflanzen dann Bäume und zwar mit einem Eifer, den man also keinem dieser Kinder zugetraut hätte, nicht weil sie das wollen, sondern weil sie alle gemeinsam in diesem Tun sich verbunden fühlen und unterwegs sind für etwas, was größer ist als ihre individuelle Freiheit in Anführungsstrichen. Das Geheimnis ist im Grunde genommen nicht die Tatsache, dass es dort Formen gibt, in denen oder Methoden, mit denen man sozusagen basisdemokratisch lernt. Dass die irgendwo an Entscheidungsprozessen mitwirken können, ist nett, aber das, was wirklich darüber entscheidet, wie gut das funktioniert, ist eher ein Gefühl. Mit Methoden kann man noch keine Gefühle erzeugen. Und was die deshalb brauchen, ist nicht so sehr eine Basisdemokratie, sondern die brauchen das Gefühl, dass sie gesehen werden und dass sie gebraucht werden, dass sie wichtig sind. Und wenn das eine demokratische Schule besser schafft als eine andere, bin ich sofort für demokratische Schulen. Aber Schule läuft eben auch möglicherweise in diesen Bereichen, wo freie und demokratische Schulen sich auf den Weg machen, immer wieder Gefahr, in eigenen Vorstellungen und Regelwerken und bürokratischen Strukturen zu erstarren. Diejenigen, die diese Erstarrung eigentlich am schnellsten auflösen können, das sind die Schüler. Und deshalb ist es so wichtig, dass man immer wieder auf die Schüler guckt. Und sobald die aufhören, Leistung zeigen zu wollen, sobald die aufhören, kreativ zu sein, sobald die aufhören, sich einbringen zu wollen und Verantwortung übernehmen zu wollen, sobald also diese ganzen wunderbaren Dinge aufhören, dann kann man als Schule sagen, dann sind wir falsch unterwegs. Ob wir nun demokratisch sind oder steiner oder montessorisch oder wie auch immer. Das ist ähnlich wie bei kleinen Kindern, wo man sofort sagen jetzt ist was falsch. Sobald man sieht, dass die das freie und unbekümmerte kreative Spiel einstellen. Kinder, die nicht mehr frei und unbekümmert und unbeaufsichtigt sich im Spiel versenken können, sind auf irgendeine Art und Weise krank, denen geht es nicht gut. Und Schüler, die in der Schule nichts mehr wollen, die sich dort nicht mehr anstrengen, die nicht die Welt entdecken wollen und alles, was es da gibt, in sich aufsaugen wollen, die sind im falschen System gelandet. Wie auch immer sich dieses System dann nennt. Ich glaube, dass die demokratischen Schulen und auch diese freien Schulen sich mit guten Absichten auf den Weg machen. Ich glaube auch, dass sie an vielen Stellen Erfahrungsräume schaffen, die in den anderen staatlichen Schulsystemen oder in irgendwelchen konfessionell gebundenen Schulsystemen nicht möglich sind. Aber was aus so einer Schule wird und ob die Kinder und Jugendlichen, die solche Schulen besuchen, dann auch wirklich ihre Potenziale entfalten können, hängt eben nicht von der Ideologie ab und auch nicht von dem, was man oben drüber schreibt, sondern das, was da drin stattfindet, von dem Klima, von der Atmosphäre, von der Beziehungskultur und von der Lernkultur. Da kann ich den demokratischen Schulen nur wünschen, dass sie es schaffen, eine solche Beziehungs und Lernkultur in diesen Schulen aufzubauen, dass sie tatsächlich zu einem Vorreiter für eine andere Art von Beschulung werden. Wahrscheinlich ist es Das ist dann der Traum. Wahrscheinlich ist die beste Schule diejenige, die es nicht mehr gibt, die sich selbst überflüssig macht, so wie der beste Lehrer auch ein Lehrer ist, den keiner mehr braucht. Die beste Führungskraft ist die Führungskraft, die keiner mehr braucht, weil die Menschen gelernt haben, sich selber zu führen. Wenn man jetzt Wie könnte sich Schule auflösen? Dann ist das eigentlich nur vorstellbar, wenn es uns gelingt, Erfahrungsräume aufzubauen, die komplexer sind als Schule. Schule neigt ja dazu, ein Gewächshaus zu werden. Deshalb heißt die Frage Wir bräuchten oder wie können wir viel komplexere Erfahrungsräume für die Kinder und Jugendlichen zur Verfügung stellen, damit die sozusagen viele unterschiedliche Möglichkeiten vorfinden, sich ganz unterschiedliche Dinge anzueignen, die sie alle in dieser Welt brauchen. Und der komplexeste Erfahrungsraum, den ein Kind beim Heranwachsen findet, ist nicht die Familie, die ist zu wenig, der ist auch nicht die Schule, die ist wieder zu einseitig. Komplexeste Erfahrungsraum ist wahrscheinlich die Kommune, also dieses Wohnviertel oder dieses Dorf, diese Gemeinde, dort wo das Kind aufwächst, da ist genug los. Und eigentlich müsste dann das Zentrum der Lernprozesse nicht in der Schule liegen, sondern in diesen kommunalen Bereichen. Nur dazu bräuchten wir wieder andere Kommunen, bräuchten wir andere Dörfer. Da bräuchten wir eine andere Beziehungs und Lernkultur in diesen Kommunen, damit die Kinder dort auch tatsächlich nicht wieder das machen, was ihnen da gefällt, sondern dass sie eingeladen, ermutigt und inspiriert werden, als Akteure dieses kommunalen Gestaltungsprozesses sich einzubringen. Wir versuchen das. Es gibt so eine Initiative in Thüringen, die heißt Neue Lernkultur in Kommunen. Das ist der Versuch, Kindergärten und Schulen aufzumachen, damit die Kinder und Jugendlichen in der Kommune Gelegenheit haben, all das, was es dort zu entdecken gibt, was man da gestalten kann und worum man sich vor allen Dingen gemeinsam kümmern kann, auch wirklich zu entdecken, zu gestalten und verantwortlich zu übernehmen. Wir werden solche anderen Schulen erst dann haben, wenn wir in einer Gesellschaft angekommen sind, wo auch tatsächlich die Menschen gebraucht werden, aus solchen freien und demokratischen Schulen herauskommen. Das sind ja dann junge Menschen, die sich nicht mehr von anderen etwas einreden lassen, die diese Welt gestalten wollen, die keine passiven Konsumenten mehr sind, die brauchen auch nicht mehr so viel an Ersatzbefriedigungen. Die haben auch gelernt, mit anderen gemeinsam sich einzusetzen, auch wenn es gegen den Widerstand, gegen Widerstände geht. Das sind ja alles kleine, junge, tapfere Revolutionäre. Und dass die alle aus unseren Schulen herauskommen, dafür ist unsere gegenwärtige Gesellschaft leider noch nicht so ganz reif. Wir hätten wahrscheinlich doch lieber solche, die aus den Schulen herauskommen und gelernt haben, wie man am besten seine Besitzstände verteidigt, wie man sich am besten auf Kosten von anderen bereichert und wie man auch ein guter Konsument wird und ein guter Wähler, der sich jedes Mal durch Wahlplakate dazu überreden lässt, die eine oder die andere Partei zu wählen. Diese Prozesse, über die wir hier reden, sind ja Potenzialentfaltungsprozesse. Da wird sozusagen wirklich Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit geboten, das, was in ihnen drinsteckt, auch wirklich zur Entfaltung zu bringen. Davon sind wir im Augenblick ja noch weit weg. Wir haben im Augenblick immer noch eine Art Ressourcennutzungsgesellschaft. Also wir benutzen alles, was wir kriegen können, damit es uns besser geht und und solche Gesellschaften sind immer von oben nach unten geordnet. Am besten kann man die Güter aufteilen und die Prozesse lenken und die Gesellschaft sozusagen beisammenhalten, wenn Obenkönig ist. Der Alleinherrscher bestimmt dann, wo es langgeht. Und was da zum Teil für verrückte Sachen möglich sind, haben wir im vorigen Jahrhundert ja gesehen. Diese Gesellschaften, von denen wir jetzt reden und die sich jetzt vielleicht das erste Mal im 21. Jahrhundert einen Horizont. Abzeichnet, das sind Potenzialentfaltungsgesellschaften. Potenzialentfaltungsgesellschaften, wo Beziehungsstrukturen entstehen zwischen den Menschen, die so aussehen, dass man sich gegenseitig nicht abwertet und in den Sack haut und wo sich einer auf Kosten von anderen durchsetzt und bereichert, sondern wo man einander einlädt und ermutigt und inspiriert, noch mal einen Schritt weiter zu gehen, noch ein bisschen zu entdecken, was es noch gibt und noch ein bisschen sich gestalterisch in diese Welt einzubringen. Und die gehen immer von unten nach oben. Deshalb ist die Hoffnung möglicherweise vollkommen verkehrt, dass man darauf wartet, dass das irgendwie durch die nächste Wahl oder durch eine neue Regierung oder so etwas kommen muss, sondern viel realistischer ist es anzu, dass das ein Prozess ist, der schon längst abläuft, der aber langsam jetzt Bedeutung gewinnt und damit auch sich immer weiter ausbreitet, sich immer besser skaliert, wie man das dann so nennt, weil es eben immer mehr Menschen gibt, die anfangen, selbstbewusst ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Und das sehen wir ja in der Art und Weise, wie die großen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse sich seit der Jahrtausendwende, so das seit 20 30 Jahren vollziehen. Wir haben keine große Revolution mehr. Es wird auch nie wieder eine kommen. Das Zeitalter der Ideologien, die man immer bräuchte, um Menschen oder brauchte, um Menschen auf seine Seite zu sehen, ist auch vorbei. Was wir erleben, ist, dass plötzlich Menschen sich aufmachen und zwar unten auf der Straße und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, loslaufen und die Herrschenden stehen da plötzlich noch da und wissen gar nicht, wo ihre Untergebenen geblieben sind. Das ist uns in dieser ganzen Wendezeit in Ostblock passiert, keine Revolution, sondern die sind einfach weggelaufen. Die haben nicht mehr sich gefügt in diese alten Abhängigkeiten und Machtstrukturen und sind ihre eigenen Gestalter geworden. Dass sie dann wieder in die nächsten Abhängigkeiten geraten sind, ist eine andere Geschichte. Aber auch in den arabischen Ländern dasselbe. Menschen stehen auf, gehen ihren Weg, landen dann wahrscheinlich auch wieder in irgendwelchen anderen Abhängigkeiten. Aber der Prozess wird sichtbar. Und was da sichtbar wird, ist, dass sich diese demokratischen Prozesse von unten her entwickeln. Vielleicht ist das das sogar, was man mit Basisdemokratie mal gemeint hat. Und deshalb muss man eigentlich, wenn man wissen will, wie weit man damit gekommen ist, sich selber fragen, weil der Prozess beginnt bei mir. Weit bin ich schon jemand geworden, der andere Menschen einlädt und ermutigt und inspiriert, das, was in ihnen alles so drin ist, auch wirklich zur Entfaltung zu bringen. Es ist relativ einfach und ich sehe auch, dass das in der Wirtschaft, in den Personalabteilungen und auch in vielen universitären Einrichtungen so gehandhabt wird. Dann sagt man, toll, dass sie Abitur gemacht haben, aber was haben sie sonst noch gemacht? Und wenn die dann nichts wissen, dann ist es ein Zeichen dafür, dass sie wirklich nichts weiter gemacht haben, als auf Abschlüsse hinzuarbeiten. Und wenn dann jemand aber sagen kann, er war auch noch bei der Feuerwehr und er hat sich auch noch um dieses gekümmert und um jenes und hat noch das und das gemacht, dann wird langsam deutlich, wo der sich eigentlich einsetzt, was der für Intentionen hat, was dem wichtig ist und dann weiß man auch ungefähr, was er kann. Deshalb sind diese außerschulischen Qualifikationen, die nicht an Abschlüsse gebunden sind, häufig einfach viel wertvoller und viel aussagekräftiger als diese Schulnoten. Also was die jungen Leute machen, wenn sie chillen, weiß ich nicht ganz genau. Die tun da eigentlich ja nicht nichts, sondern die werfen sich auf ein Sofa und machen sich laute Musik an. Da würde ich sagen, tut sich nicht viel im Hirn. Etwas chillen sind wir auf der falschen Fährte. Richtiger würde es dann, wenn man Was passiert eigentlich im Hirn von jemand, der Langeweile hat, dem also nichts angeboten wird, sondern der einfach plötzlich in die Situation kommt, dass auch kein Knopf da ist, auf den er drücken kann, wo irgendwie wieder bunte Bilder rauskommen, sondern wo der einfach auf sich selbst zurückgeworfen ist und Langeweile hat oder zumindest in einer Situation ist, wo nicht von außen Stimulation kommt. Und dann gibt es dieses wunderbare Phänomen, dass dann das Hirn anfängt zu arbeiten, dann kriegt man Ideen und dann entwickelt man Vorstellungen und dann fällt einem was ein. Und das sind dann eigentlich wirklich eigenkreative Gestaltungsprozesse. Und das ist was völlig anderes als all diese Stimulation, die über Lern und Lehrprogramme oder aber auch über Freizeitbeschäftigungen von außen kommt. Also Langeweile wäre auch was Tolles, wenn Kinder ab und zu mal Gelegenheiten hätten, die zu erleben. Die wird natürlich in unserer heutigen Zeit extrem schwer, weil es so einfach ist, ein Gerät rauszuholen, wenn man gerade mal nichts zu tun hat und sich damit schon wieder zu beschäftigen. Und wenn man das aber chillen nennt, dann sind wir weit weg von der Langeweile. Das ist ja nur wieder die nächste Ablenkung. Das ist die nächste Stimulation. Und deshalb kann es sein, dass Jugendliche wirklich eine Unterstützung dabei bräuchten durch Erwachsene, damit die nicht in diese alten Muster reinfallen, die wir ihnen vielleicht sogar ständig auch vormachen. Also dass die dann schillen wollen, die müssten eigentlich mal was tun wollen, das wäre spannender. Und da sehe ich keine andere Möglichkeit, als dass man ihn, diesen jungen Menschen, einen Prozess in Gang setzt, der ihnen plötzlich klar macht, dass sie selbst bedeutsam sind, dass sie wichtig sind, dass sie gebraucht werden. Und da ist die Wofür Lehrpläne haben wir nicht deshalb, damit Schüler viel lernen, sondern Lehrpläne haben wir ja deshalb, weil es ein Schulsystem gibt mit sehr vielen Beteiligten, die sich ausgedacht haben, was sie alles tun können, damit das Lernen in der Schule funktioniert. Deshalb sind die Lehrpläne auch nicht für die Schüler da, sondern für diesen Beamtenapparat, der sich da gebildet hat oder für diese Verwaltungsstrukturen. Und da gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit, das aufzuheben, nämlich indem Menschen, die unten sind, nämlich die Schüler und vielleicht deren Eltern, gemeinsam auf die Barrikaden gehen und Wir wollen keine Pläne mehr, die ihr für uns entwickelt. Man müsste sozusagen die Lehrpläne abschaffen, aber das kann man nicht verlangen, dass diejenigen die Lehrpläne abschaffen, die sie entwickelt haben.










