Was tun gegen die Diskriminierung bei der Bewerbung?
1 Dec 2025 · 14 min
Alex Schorsch discusses discrimination in German job applications, from unconscious bias to intentional rejection. A 2017 study found applicants with Turkish names and headscarves needed 4.4 times more applications to get hired. Practical defenses include emphasizing languages and experience, getting references, and targeting diversity-friendly employers.
Questions this episode answers
2006
An otherwise-identical applicant with a Turkish-sounding name and headscarf required 4.4 times as many applications to receive a job offer as the applicant with a German name.
Chapters
Keine Frage, es gibt sie, die Diskriminierung in der Bewerbung. Das ist zwar illegal, unzulässig, ärgerlich, aber es wird trotzdem gemacht. Bewerberinnen und Bewerber werden aufgrund von Alter, Geschlecht, Herkunft oder anderen Gründen benachteiligt. Und die Frage bleibt natürlich kann ich mich als Bewerberin oder Bewerber dagegen wehren? Und wie kann ich meine Bewerbungschancen steigern? Und genau darüber sprechen wir in der heutigen Folge von oh my Job. Also bleib dran.
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Ja, Diskriminierung in der Bewerbung ganz allgemein ist ärgerlich, wird aber gemacht. Und es gibt sogar seit 2006 ein Gesetz dagegen, das AGG, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz oder Salopper Antidiskriminierungsgesetz. Danach darf niemand aufgrund von Alter, Geschlecht, Rasse, ethnischer Herkunft, sexueller Identität, Behinderung, Religion oder Weltanschauung benachteiligt werden, weder bei der Währung noch sonst wann im Job trotzdem passiert. Das ist ja illegal. Aber das muss man gleich dazu sagen bei dieser heutigen Folge. Wer diskriminieren will, der kann diskriminieren. Wenn er es blöd anstellt, ist es illegal und dafür gibt es dann vor dem Arbeitsgericht einen auf den Deckel. Aber wenn man es schlau anstellt, kommt man in der Regel damit durch. Deswegen ist es bis heute halt auch ein Thema und hat es bis hierher in diesen Podcast geschafft. Alex, wer wird denn eigentlich diskriminiert bzw. Wer ist besonders häufig davon betroffen?
Auf der einen Seite gibt es die Gruppe 50 die häufig von Diskriminierung betroffen ist. Es gibt aber auch Frauen im gebärfähigen, familienreifen Alter, die häufig Opfer von Diskriminierung wird. Aber auch Bewerber mit Migrationshintergrund, das heißt ein einfaches Kopftuch auf dem Bewerbungsfoto oder ein ausländisch klingender Name können ein Grund dafür sein. Und das belegen auch Studien. Es gibt aus 2017 beispielsweise eine Studie, da wurde ein Experiment durchgeführt, bei dem das identische Bewerberprofil, das heißt gleiche Qualifizierung, gleicher Lebenslauf, einfach nur in einer Version mit einem deutschen Namen, in einer zweiten Version mit einem türkisch klingenden Namen ohne Kopftuch und in einer dritten Version mit einem türkisch klingenden Namen mit Kopftuch verwendet wurde. Und die Resultate sind ehrlich gesagt schockierend. Die Bewerberin mit Kopftuch mit einem türkisch klingenden Namen hat 4,4 mal so viele Bewerbungen. Gebraucht, um eine Jobzusage zu erhalten, als die Bewerberin mit dem deutschen Namen. Und 4,4 mal so viele Bewerbungen, das ist schon einiges.
Das ist ziemlich dramatisch, das stimmt. Wobei man jetzt, glaube ich, noch mal unterscheiden muss, zumindest macht es die Fachwelt zwischen der aktiven und der passiven Diskriminierung. Die aktive, das ist die tatsächlich, wenn sich jemand aktiv dafür entscheidet, bestimmte Kandidatinnen und Kandidaten nicht einzuladen oder gar nicht erst den Leuten einen Job zu Also wenn jemand sagt, ich stelle grundsätzlich keine Kandidaten über 50 ein, ich stelle grundsätzlich keine Frauen, jungen Frauen zwischen 25 und 32 Jahren ein oder sobald da irgendwie ein arabischer Name auftaucht, stelle ich denjenigen nicht ein. Das ist die aktive Diskriminierung. Daneben gibt es aber noch die passive und das ist die oft größere und gefährlichere Diskriminierung, denn das ist die unbewusste Diskriminierung. Kopfüber, Vorurteile, Stereotype, Klischees, was auch immer. Also wenn du bei beispielsweise eben im Hinterkopf hast, wenn jemand, keine Ahnung, älter ist, dann ist er bestimmt häufiger krank, dann ist er wahrscheinlich viel zu teuer. Da ist so jemand vielleicht auch nicht mehr so ganz auf der Höhe der Zeit. Und diese Klischees, die sorgen dann für eine unterschwellige Benachteiligung eines solchen Kandidaten.
Da zählen sicherlich auch viele Voreinnahmen, also Biases mit rein, wie beispielsweise der Halo Effekt. Absolut, bei dem attraktivere, physisch attraktivere Personen als kompetenter wahrgenommen werden.
Genau, das ist jetzt der Halo ist ja noch der positive Effekt in dem Zusammenhang. Also ein positives Signal überstrahlt alle anderen. Der Gegenspieler ist der Horneffekt, das ist dann der negative. Das heißt, du hast einen arabisch klingenden Namen oder trägst eben ein Kopftuch, wie bei deinem Beispiel vorhin und schon gehen bei mir alle negativen Assoziationen an und dann kannst du noch so gut performen im Vorstellungsgespräch. Ich habe immer diesen negativen Bias im Kopf und das kann tatsächlich zu einer passiven Diskriminierung führen, ohne dass du es wirklich aktiv hältst, aber bei zwei, drei Kandidaten kann dieses eine Element alle anderen positiven Signale überstrahlen und das ist halt sehr, sehr schade. Was kann man denn gegen Diskriminierung tun, gegen die offene und die verborgene? Darüber wollen wir heute sprechen. Vielleicht fangen wir mal an. Alex, du weißt es bestimmt auch. Was kann ich denn machen, wenn ich weiß, ich bin hier wirkl. Diskriminiert worden? Ich kann es auch nachweisen und belegen.
Wenn man das wirklich belegen kann, dann kann man natürlich Beschwerde beim Arbeitgeber einreichen und offen dagegen vornehmen. Um sich natürlich hier abzusichern, macht es durchaus Sinn, sich rechtliche Hilfe mit ranzuholen.
Fachanwalt für Arbeitsrecht.
Exakt genau. Und das Ganze gleichzeitig auch bei der Beschwerdestelle des AGGs zu melden. Man bekommt dadurch natürlich nicht den Job, das ist off the table, aber man kann da durchaus das ein oder andere Monatsgehalt als Entschädigung erhalten.
Also die Klage hilft natürlich, hat aber immer den Nachteil, man muss es eben beweisen können. Deswegen sprechen wir ja auch über Tipps und Tricks, die man anwenden kann, um generell seine Bewerbungschancen zu steigern und vielleicht einer möglichen Diskriminierung vorzubeugen.
Die erste Sache, die man natürlich machen kann, ist die vermeintlichen Nachteile, wie beispielsweise einen Migrationshintergrund oder ein fortgeschrittenes Alter zu seinem Vorteil zu nutzen und zu kommunizieren. Dass man andere Sprachen neben Deutsch oder Englisch ausspricht oder dass man schon eine ganze Stange an Berufserfahrung gesammelt hat und das eben von vornherein kommuniziert und sich als idealen Kandidaten präsentiert.
Finde ich super. Gerade auf die Vorteile zu rekurrieren und darauf die Leute hinzuweisen, finde ich sowieso eine viel bessere, offensivere Strategie als eine defensive und sich dann irgendeine Form zu rechtfertigen. Gut sind natürlich auch Kontakte, Empfehlungen. Also ich empfehle an der Stelle immer Referenzen oder empfehlungsschreibende Bewerbungen hinzuzufügen, weil die einfach positiv wirken. Wenn neutrale Dritte, möglicherweise ehemalige Führungskräfte bestätigen, dass du deinen Job kannst, da macht man Natürlich das MögLiche Diskriminierungs Handicap gar nicht erst zum Them, aber dafür ergänzt man seine Bewerbung durch Fürsprecher, die eben alle Zweifel, die da bestehen könnten, zum Beispiel bei 50 Bewerbern einfach mal so wegwischen mit einem schönen Bewerbungsschreiben bzw. Empfehlungsschreiben.
Jochen, was hältst du davon, einfach das Alter oder den Familienstand rauszulassen? Das empfehle ich häufig meinen Klienten unter der Argumentation, dass wenn diese Kriterien gar nicht enthalten sind, dass Recruiter das auch gar nicht offen sehen und man so natürlich eher den Fokus auf die eigenen Vorteile, Kompetenzen, Fähigkeiten, die Erfahrung nimmt.
Das ist ein guter Punkt und es geht auch ein bisschen in Richtung anonyme Bewerbung. Die gab es schon immer und gibt es heute noch und sie hat sich aber nie so richtig durchgesetzt. Für mich ein Indiz wäre, dass es vielleicht auch nicht die allerbeste aller Strategien ist. Ja, man kann sein Alter weglassen, den Familienstand weglassen, weglassen, das Bewerbungsfoto weglassen. All das ist heute ein freiwilliger Zusatz, auch dank AGG, also allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz. Aber ja, du hast gesagt, es kann manchen Personaler von der Diskriminierung abhalten und die Tür öffnen zum Vorstellungsgespräch, wo man dann überzeugen kann. Andererseits sage ich immer, es kann auch schlafende Hunde wecken. Also wenn du Dinge weglässt, die in allen anderen Bewerbungen drinstecken, kann das erst recht auffallen. Und Personaler, die dafür in der Regel, wenn sie geübt sind, ein Auge haben, könnten auf die Idee kommen, aha, hier versucht jemand einen vermeintlichen Mangel zu kaschieren oder zu unterdrücken, also gibt es da einen Mangel und dann neigen sie vielleicht erst recht dazu, eine Absage zu verschicken. Ich sagte es hier gerade schon, ich bin immer eher für eine offensive Strategie, zu sagen, ich packe das rein, auch mein Alter, mein Familienstand. Man kann es ja gerade beim Familienstand, also ich sage mal bei Alleinerziehen jungen Frauen, die können ja sagen, Kind zwei und drei Jahre alt, aber Betreuung ist gesichert und dann hast du mögliche Resentments dagegen schon ausgehebelt. Bei Älteren schreibst du einfach nur dein Geburtsdatum rein und sagst so what, Ich bin halt so alt, wie ich bin, aber ich bin gut. Und das wiederum dokumentierst du halt im Anschreiben oder im Lebenslauf und dann machst du es gar nicht erst zum Thema. Finde ich, ist jetzt meine Strategie, so wie es auch beim Klienten immer empfehlen würde, besser als was wegzulassen. Aber ja, man kann das machen. Also ich bin da jetzt auch nicht katholischer als der Papst.
Eine Maßnahme, die man auf jeden Fall ergreifen kann, um Diskriminierung vorzubeugen, ist es, sehr gezielte Bewerbung zu schreiben. Das bedeutet, sich besonders Mühe zu geben, das Kurzprofil auf die Stelle zu individualisieren, im Anschreiben besonders hervorzuheben, warum man bei dem Unternehmen arbeiten möchte, welche Vorteile das Unternehmen auch davon hat, wenn man den Bewerber nimmt, aber auch die einzelnen Aufgaben, vor allem in der letzten Berufsstation im Lebenslauf auf die Stelle fein zu tun, Denn so positioniert man sich noch mehr als der ideale Kandidat und hat so entsprechend höhere Chancen, eingeladen zu werden.
Also ich würde sogar bei der gezielten Bewerbung sagen, warum denn nicht gezielt bei Unternehmen bewerben, die das Thema Diversity sich auf die Faden geschrieben haben, also vielfältige Teams und sagen, komm, wir haben hier sowieso einen Anspruch möglich, möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen einzuladen, einzustellen. Und bei solchen Unternehmen kann man sich auf jeden Fall bewerben und hat wahrscheinlich auch beste Chancen, nicht diskriminiert zu werden. Leider gibt es davon wieder etwas weniger Unternehmen in der Vergangenheit, weil der nette amerikanische Präsident vor kurzem gesagt hat, Diversity ist großer Unfug, das müssen wir jetzt abschaffen. Und dann haben viele Unternehmen leider gekuscht und haben dieses Thema von ihren Webseiten verbannt, was ich sehr schade finde. Aber natürlich gibt es das noch. Und ich glaube, es gab auch ein paar Unternehmen, ich bin mir jetzt gar nicht sicher, ob das SAP war, die haben gesagt, wir kuschen hier nicht von dem US Präsidenten und Trump und schreiben das auch weiterhin bei uns auf die Webseite, finde ich super. Und bei solchen Unternehmen kann man sich dann auf jeden Fall auch bewerben. Eine andere Möglichkeit, die ich unbedingt erwähnen möchte, weil sie mir so am Herzen liegt, du weißt es, ich bin ein großer Fan des Bewerbungsvideos. Nicht nur Anschreiben mag ich sehr gerne und finde es weiterhin wichtig in der Bewerbung, sondern auch ein Bewerbungsvideo. Und ich finde, das kann beim Thema Diskriminierung in der Bewerbung einiges wieder wettmachen, weil ein Video dann doch mehr sagt als tausend Worte, die du in einem Bewerbungsschreiben gar nicht unterkriegst. In einem Bewerbungsvideo bist du authentisch, glaubwürdig. Deine Person, deine Leidenschaft, deine Motivation, Begeisterung, die kommen da viel deutlicher rüber oder auch nicht, wenn du es in einem Video zeigst. Und ich stelle mir immer hier so mein Paradebeispiel vor. Dunkelhäutiger mensch mit arabisch klingendem Namen bewirbt sich. In Bayern bei einem bayerischen Unternehmen und startet sein Video mit einem Text. So bei euch ist halt ein super Job oder so und man Verzeih mir mein schlechtes Bayerisch, Aber man merkt ja, auf was ich hinaus will. In dem Moment ist jedes Klischee vom Migranten ist ja dahin. Da spricht jemand tiefstes Bayerisch, sieht aber nicht nach einem Bayern aus und schon wirst du neugierig und hast eher ein positives Störgefühl. Das Ganze funktioniert auch bei Ü Bewerbern, die beispielsweise in einem Video wunderbar dynamisch daherkommen könnten, Begeisterung zeigen, moderne Themen ansprechen, für die sie brennen, KI zum Beispiel oder von ihrer Weiterbildung erzählen, die sie gerade absolviert sind und damit eben beweisen, ja, ich bin vielleicht über 50, aber mit mir musst du noch rechnen, da ist noch alles dabei. Ich bin körperlich und geistig topfit. Und das kann, glaube ich, ein Video viel glaubwürdiger als jede schriftliche Bewerbung ist.
Eine sehr gute Strategie. Das zieht gewissermaßen den Vorteil oder eher die Chance aus dem Interview in die Bewerbung rein.
Absolut. Und ich glaube, neben den Strategien, die wir hier schon genannt haben, ist es wahrscheinlich eine der erfolgreichsten, einfach ein Bewerbungsvideo dazu zu senden. Funktioniert übrigens auch bei Quereinsteigern und allen anderen Leuten, weil ich glaube, dass man da immer noch mal ergänzend Informationen senden kann, die andere nicht haben. Und jetzt vielleicht für diejenigen, die gar nicht weiter wissen, ganz ganz wichtig, man kann sich auch einen Coach nehmen. Also wenn man das Gefühl hat, tatsächlich diskriminiert zu werden oder mit irgendwelchen Themen nicht durchzukommen, kann man auch sich einen Bewerbungscoach nehmen, der vielleicht die Bewerbungsunterlagen noch mal optimiert aus der Erfahrung heraus oder vielleicht auch ein gutes Bewerbungstraining fürs Vorstellungsgespräch macht. Und da kann man auch das eine oder andere Handicap, was da sein könnte, ausgleichen und damit seine Chancen verbessern.
In der Tat. Durch externes Feedback lässt sich definitiv der eine oder andere blinde Flag beheben und so gegebenenfalls auch direkte Red Flags aus den Bewerbungsunterlagen. Rausnehmen. Sehr guter Punkt nochmal.
So und damit finde ich, haben wir eigentlich einen ganz guten Reigen gemacht, wo wir sagen, ja, das hilft auf jeden Fall bei der Bewerbung und kann auch gegen eine Diskriminierung allgemein helfen. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es natürlich nicht, aber grundsätzlich ist es eine Möglichkeit, seine Chancen zu verbessern. Wir wünschen dir auf jeden Fall viel Erfolg bei deiner Bewerbung, sollte das dein Thema gewesen sein. Ansonsten freuen wir uns ganz, ganz doll, wenn du nächste Woche wieder einschaltest und dabei bist.
Das war oh my job, dein Kick für Kopf und Karriere. Hat dir die Folge gefallen? Dann vergiss nicht, den Podcast gleich zu abonnieren und empfehle uns deinen Freunden. Wir freuen uns auf ein Wiederhören.