Special "OMR Rabbit Hole: Die Höhle der Löwen"
19 Aug 2024 · 35 min
In der ersten Episode der zweiten Staffel von OMR Rabbit Hole führt Florian Rinke (mit Recherche von Tanja Karasch) die Hörer durch die Entstehungsgeschichte der deutschen TV‑Show „Die Höhle der Löwen“, dem lokalen Pendant zu Dragons’ Den/Shark Tank. Der Podcast schildert, wie frühere Versuche, Wirtschaftsformate im deutschen Fernsehen zu etablieren (z. B. Big Boss, Hire and Fire) gescheitert sind, und wie Astrid Quentel und Kai Sturm über Jahre hinweg das Konzept immer wieder vor deutschen Sendern präsentierten. 2013/14 übernimmt der neue VOX‑Chef Bernd Reichert das Projekt, fördert ein aggressives, aber gleichzeitig kultursensible Redesign: ein längeres Format, ein Moderator (Amias Habdu), ein warmes Studiodesign ohne protzige Geldbündel und eine bewusste Verlagerung vom reinen Kapital‑Show‑Element hin zu einer Sparrings‑Plattform für Gründer. Der Auswahlprozess der fünf „Löwen“ (Judith Williams, Frank Thelen, Jochen Schweizer, Vural Öger, Lenke Wischhusen) wird anhand von Kriterien wie Eigenkapital, Medienpräsenz und Persönlichkeit erklärt. Die erste Staffel verläuft jedoch holprig – in den ersten zehn Pitches wird kein Investment abgeschlossen, was zu Spannungen im Team führt. Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten wird die Sendung zu einem kulturellen Katalysator, der das Bild von Unternehmern in Deutschland verändert, das öffentliche Interesse an Start‑ups weckt und langfristig das Unternehmer‑Selbstverständnis im deutschen Mittelstand beeinflusst. Der Podcast verknüpft diese Produktions‑ und Mediengeschichte mit breiteren gesellschaftlichen Themen wie deutschen Vorurteilen gegenüber Reichtum, der Darstellung von Unternehmern in Krimis und der sozialen Marktwirtschaft, und zeigt, wie „Die Höhle der Löwen“ zu einem Wendepunkt für die Wahrnehmung von Gründertum in deutschen Wohnzimmern wurde.
Chapters
Herzlich willkommen zum OMR Podcast! Okay, das hier ist nicht der OMR Podcast und ich bin auch nicht Philipp Westermeyer, sondern Florian Rinke, Redakteur bei OMR und Host des Podcasts OMR Rabbit Hole. Normalerweise hört ihr mich hier nicht, weil ich beim OMR Podcast eher im Hintergrund arbeite. Heute mache ich aber eine Ausnahme, denn wir starten die zweite Staffel unseres Storytelling-Formats OMR Rabbit Hole. Und dieses Mal geht es um die Höhle der Löwen. Denn als die Fernsehshow vor 10 Jahren gestartet ist, hat sie einen richtigen Hype ausgelöst und Deutschland mehr verändert, als man das bei einem TV-Format vermuten könnte. Ihr könnt hier jetzt die erste Folge hören und die zweite gibt es ab sofort schon auf unserem Rabbit Hole Kanal. Jetzt erstmal rein in die erste Folge. Viel Spaß! Und dann gingen da diese Türen auf, Licht, Musik, wahnsinnig viel Adrenalin und dann ging der Pitch los. Wie sagt man so schön?
Fake it till you make it.
Daran haben wir uns gehalten.
Dann haben wir gesagt, weißt du was, den nächsten Deal machen wir einfach. Scheißegal was.
Der Shop war völlig überlastet. Es ging gar nichts mehr.
Da wurde ich wirklich in die Ecke gestellt. Wie kannst du das machen? Wir gucken den Sender nie mehr.
Aber du denkst dann auch von wegen, oh, jetzt haben da Leute vielleicht auch wegen dir, weil sie daran geglaubt haben, Geld verloren. Das geht nicht an einem spurlos vorbei. Ja, die Frage wurde mir schon oft gestellt und ich habe sie ehrlich gesagt auch nie öffentlich beantwortet. Aber ich bin bereit, sie heute öffentlich zu beantworten.
Und der Hund setzt sich vor seinen Stuhl und kackt genau vor ihn hin.
Wir sind raus aus der Show und nach Hause gefahren und haben uns jede Minute gefragt: Ist das jetzt Fake oder ist er ernst? Dies ist die Geschichte einer Fernsehsendung. Und eine Geschichte über Deutschland. Denn vor 10 Jahren kommt es zu einem Wendepunkt. Und die Höhle der Löwen trägt dazu bei. Startups haben in der deutschen Öffentlichkeit lange Zeit kaum eine Rolle gespielt. Internetunternehmen, Risikokapital, Digitalisierung, das sind in den 2010er Jahren Geschichten aus den USA, aus dem Silicon Valley. Dabei gibt es sie auch in Deutschland. Und 2014 werden sie für alle Welt sichtbar. Die Höhle der Löwen weckt den Gründergeist in deutschen Wohnzimmern. Die TV-Show macht das Thema Wirtschaft für ein Millionenpublikum greifbar. Gewürzmischungen, Kondome, Suppen— bei Die Höhle der Löwen werden aus Allerweltsprodukten plötzlich geniale Geschäftsmodelle mit Millionenumsatz. Aus Startup-Pitches wird eine Kultsendung. Wir sind eingetaucht in die Fernsehwelt, in der Quoten die Währung sind und die Wahrheit auch mal dem Schnitt zum Opfer fällt. Denn hinter den Kulissen führen Neid und Zwietracht zu Rivalitäten. Mancher Handschlag aus der Show entpuppt sich abseits der Kameras als fataler Pakt. Und die Karrieren der Löwen sind plötzlich ganz anders, als es die Fernsehbilder suggerieren. Wir erzählen die Geschichte dieses Erfolgs, der auch Deutschland verändert hat. Es geht um Wirtschaft, um Politik. Es geht um große Träume an der Börse, die für Kleinanleger:innen zu Albtraum werden. Die Höhle der Löwen ist eine Erfolgsgeschichte. Wir richten den Scheinwerfer aber auch in die Ecken, die das Fernsehen lieber nicht zeigen will. Mein Name ist Florian Rinke. Ich bin Wirtschaftsjournalist und Redakteur bei OMR. Im letzten Jahr haben wir die erste Staffel unseres Storytelling-Formats Rabbit Hole veröffentlicht, die Samba-Story. Falls ihr den Podcast nicht kennt, hört gerne auf diesem Kanal mal rein. Jetzt starten wir aber erstmal die zweite Staffel und Für die ich gemeinsam mit meiner Kollegin Tanja Karasch fast ein Jahr lang recherchiert habe. Das ist die erste von acht Folgen. Das ist OMR Rabbit Hole, die Höhle der Löwen.
Nehmt den Rat an.
Ich sage wirklich, ihr seid ihr seid die ersten Unternehmer, die das so klar sagen. Hört auf!
Diese Idee wird nicht fliegen. Wir machen das Ding richtig, richtig groß.
Tu dein Bestes.
Glaube an dich selbst.
Du hast ganz viel in dir.
OMR Rabbit Hole, die Höhle der Löwen.
Das Manager Magazin veröffentlicht einmal im Jahr eine Liste der reichsten Deutschen. 500 Namen, hinter denen jeweils das Vermögen steht. Und ein Hinweis auf dessen Entwicklung. Wer ist reicher geworden? Wer ärmer? Wer ist ein Gewinner? Wer ein Verlierer? Die Liste basiert auf Schätzungen. Sie ist gewissenhaft recherchiert. Aber einige Namen fehlen. Insofern ist sie letztlich nur eine Annäherung an die Wahrheit. Aber egal. Jahr für Jahr ist die Liste der reichsten Deutschen das meistgelesene Stück. Reichtum fasziniert die Menschen. Auch hier bei uns. Mehr als 6,5 Millionen Menschen in Deutschland spielen regelmäßig Lotto, in der Hoffnung auf den Jackpot. Wer wäre nicht gern reich? Aber anderen Menschen gönnt man den Erfolg in Deutschland dann oft doch nicht so richtig. Deutschland als Neidgesellschaft. Das sei natürlich eine Pauschalisierung, hat der Reichenforscher Thomas Drouhin mal in einer ZDF-Dokumentation gesagt. Dennoch: Vor jeder Bundestagswahl versuchen alle Parteien, so ein bisschen Reichtumsschelte zu betreiben, weil die Mehrheit der Bevölkerung es nicht ist. Ja, es ist schöner, Reiche durchs Dorf zu jagen, als jetzt besondere Leistungen hervorzuheben. Viele Menschen in Deutschland haben ein Problem mit zur Schau gestelltem Reichtum. Nicht umsonst leben viele Milliardär*innen hierzulande eher zurückgezogen. Aus meiner Sicht hat das auch etwas mit dem generellen Bild von Unternehmer*innen und Manager*innen in der deutschen Öffentlichkeit zu tun. Denn das ist in Deutschland historisch schlecht. Gerade auch in Film und Fernsehen. Dieser Satz aus der Serie Kir Royal hat Fernsehgeschichte geschrieben: Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Gesagt hat ihn natürlich ein Unternehmer, der einen Journalisten unter Druck setzen will. Und in den Tatort-Krimis, die seit Jahrzehnten in der ARD laufen, sind es immer wieder die Unternehmer*innen, die für Mord und Totschlag sorgen. 2013 erscheint eine Studie der Hamburg Media School, die anhand vom Tatort und der Daily Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten untersucht hat, wie das Bild von Manager*innen und Unternehmer*innen in Deutschland ist. Schon in der Einleitung halten die Forschenden fest, dass beide kein besonders hohes Ansehen genießen. In den Krimis wird Wirtschaft laut den Forschenden relativ stereotyp dargestellt. Die Schlipsträger sind gierig und im Zweifel sogar noch der Mörder. Und wenn sie mal das Opfer sind, dann nur wegen ihres schlechten Charakters. Bei GZSZ ist die Darstellung von Unternehmertum etwas differenzierter. Aber natürlich ist auch da der Oberfiesling, Jo Gerner, ein reicher Rechtsanwalt und Investor. Und als 2014, dem Jahr des Starts von Die Höhle der Löwen, der Film Bibi und Tina in die Kinos kommt, hat der Bösewicht nicht nur goldene Haare und einen Tresor voller Goldbarren, sondern heißt passenderweise auch noch Kackmann, damit bloß keine Zweifel an seinen Absichten aufkommen.
K-A-K lässt man nicht stehen. Was regiert unsere Welt?
Du bist nicht so ohne dein Geld.
Unternehmertum und Fernsehen, das war bislang keine Liebesbeziehung. Zumindest in Deutschland. In anderen Ländern ist das ganz anders. Dort sind Unternehmer*innen nicht nur die Schurken, sondern Teil eines Showkonzepts. In Japan startet es 2001 als Tigers of Money. Nach Großbritannien kommt die Sendung 2005 unter dem Namen Dragons' Den. So heißt das Format 2006 auch in Kanada. In Finnland testet man 2007 Lejonankita, was übersetzt so was wie Löwenmaul heißt. In Tschechien geht es 2009 mit Dandy weiter, während in den USA Shark Tank startet. 2011 kommt Dragons' Den nach Polen. In einem Land nach dem anderen startet die Gründershow. Nur in Deutschland nicht. Und das hat nicht nur etwas mit dem schlechten Bild von Unternehmertum generell zu tun, Sondern auch mit Rainer Kallmund. Ich hatte sehr lange keinen eigenen Fernseher. Aber kurz vor dem Abitur habe ich dann doch einen bekommen. Ein kleines Röhrengerät, auf dem ich an einem Oktoberabend im Jahr 2004 RTL eingeschaltet habe. Kalli gucken. Rainer Kallmund ist bis 2004 Geschäftsführer von Bayer Leverkusen. Jener Mannschaft, die gerade zum ersten Mal in der Fußball-Bundesliga deutscher Meister geworden ist, aber sich damals sehr konstant den Titel Vizekusen verdiente. Im Juni 2004 wird er bei Bayer Leverkusen zwar rausgeworfen, doch 4 Monate später wird er dafür bei RTL zum Big Boss. In der Sendung buhlen 12 Personen um einen hochkarätigen Job oder 250.000 Euro für eine Gründung. Rainer Calmund sitzt in einem fetten Chefsessel an einem riesigen Tisch, Und stellt den Kandidatinnen, die alle dunkle Anzüge oder Businesskostüme tragen, verschiedene Aufgaben. Die müssen sie meistern, was nicht immer gelingt.
Das ist der entscheidende Fehler. Ihr habt Würsten bestellt, die ihr nachher nicht mehr abverkaufen könnt.
Big Boss ist meine erste Erinnerung an ein Unterhaltungsformat mit Wirtschaftsbezug im deutschen Fernsehen. Es ist der Versuch von RTL, ein US-Erfolgsformat nach Deutschland zu bringen. Denn in den USA begeistert damals ein gewisser Donald Trump mit der Suche nach einem Lehrling regelmäßig ein Millionenpublikum. My name is Donald Trump and I'm the largest developer The Apprentice ist ein riesiger Erfolg. Big Boss allerdings nicht. Im Gegenteil, die Sendung ist ein ziemlicher Flop und wird schon nach 11 Folgen wieder abgesetzt. Und RTL ist nicht der einzige Sender, der sich damals die Finger an diesem Format verbrennt. Auch ProSieben startet mit Hire and Fire einen Klon des US-Formats. Doch die Sendung mit dem Medienunternehmer John de Mol in der Hauptrolle läuft so schlecht, dass sie sogar schon nach der ersten Folge abgesetzt wird. Die Berliner Zeitung urteilt damals: Das ist, gelinde gesagt, desaströs. Wirtschaftsformate im Fernsehen, das ist ab da für viele Senderverantwortliche eine sichere Methode, einen Haufen Geld zu versenken. Also bloß die Finger davon lassen. Doch zwei Personen sehen das damals ganz anders: Astrid Quentel und Kai Sturm. Astrid Quentel ist seit 2009 Geschäftsführerin von Sony Pictures Television, der deutschen Tochterfirma des Hollywood-Studios. Sie ist Quereinsteigerin, hat eigentlich Medizin studiert und wäre vielleicht Urologin geworden, wenn sie nicht schon während ihrer Uni-Zeit durch einen Aushilfsjob bei Sat.1 mit der Medienwelt in Kontakt gekommen wäre. Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie und hat ein Interesse an komplexen Sachverhalten. Dass Wirtschaftsformate und Fernsehen nicht zusammenpassen, ist aus ihrer Sicht Unsinn. Wenn man es richtig macht. So wie bei Dragons' Den. Natürlich kennt sie alle Vorbehalte gegenüber Wirtschaftsformaten. Zu wenig Emotionen, zu kompliziert. Aber Dragons' Den ist aus ihrer Sicht anders. Nur leider hört keiner auf sie. Sony hat die Lizenz, Sony könnte die Sendung produzieren. Doch eine Gründershow zur Primetime? Bloß nicht. Dann schon lieber einen weiteren Tatort mit einem Manager als Mörder. ARD, ZDF, RTL, ProSieben, WDR, Bayerischer Rundfunk. Immer wieder stellt Astrid Quentel die Idee vor. Und immer wieder lehnen die Verantwortlichen ab. Selbst bei VOX hat sie kein Glück, obwohl sie senderintern sogar einen wichtigen Unterstützer hat: Kai Sturm. Der ist seit 2006 Chefredakteur beim TV-Sender. Und in ihrer Ungewöhnlichkeit ähnelt seine Biografie der von Astrid Quentel. Denn Kai Sturm hat eigentlich mal Musik studiert. Dann fürs Radio gearbeitet und eine Zeit lang sogar als Animateur in Ferienclubs, bevor er beim Fernsehen gelandet ist. Er war bei jenem Jondemol, dessen Higher& Fire Format Jahre später scheitern sollte. Er gründete eine Produktionsfirma, entwickelte Quizshows und sollte schließlich das VOX-Programm gestalten. Nur eben ohne Wirtschaft. 2011 oder 2012, das weiß er nicht mehr so genau, sieht er zum ersten Mal eine Folge von Dragons' Den und ist sofort begeistert.
Das ist so ein roter Backsteinbau, in dem das gedreht wird. Und die Gründer, die gehen dann so eine Metalltreppe hoch und oben im Obergeschoss sitzen dann die Dragons, die Drachen da oben. Und das fand ich wahnsinnig spannend inszeniert.
Auch er will die Sendung machen. Doch der damalige VOX-Chef Frank Hoffmann lehnt ab.
Dann bin ich damit zu meinem damaligen Chef gelaufen und bin aber komplett gescheitert. Wirklich mit der Argumentation: Wirtschaftsthemen, Business-TV, funktioniert nicht.
Wieder vergehen Monate. Fast 5 Jahre lang versucht Astrid Quentel inzwischen, das Format im deutschen Fernsehen zu platzieren. Fast 5 Jahre scheitert sie immer wieder. Das hat uns Kai Sturm erzählt. Wir haben natürlich auch Astrid Quentel angefragt. Weil sie die Produktionsfirma inzwischen verlassen hat, aber noch unter Vertrag steht, wollte sie uns jedoch lieber kein Interview geben. Doch dann, 2013, sitzt sie eines Abends mit Kai Sturm zusammen beim Abendessen. Die beiden haben sich damals verabredet, um sich mal wieder auszutauschen. Eigentlich geht es um ein ganz anderes Thema.
Und am Ende des Abendessens haben wir wieder über unser Lieblingsthema gesprochen, nämlich, das hieß ja damals einfach nur Dragons' Den, und haben dann gesagt, komm, wir versuchen noch mal einen Anlauf.
Denn etwas hat sich damals verändert. Im Februar 2013 bekommt VOX einen neuen Chef, Die Nachricht kommt für viele in der Fernsehlandschaft völlig überraschend. Bernd wer? Ein paar Stichpunkte lassen sich damals schnell ergoogeln: Karrierebeginn im Sportmarketing, später dann Leiter des spanischen Medienunternehmens Antena 3. Was will so jemand bei einem deutschen Nischensender, der im Vorjahr auf nur knapp 6% Marktanteil kam? Bernd Reichert weiß, dass viele damals skeptisch sind, dass es ihm gelingen wird, VOX wieder erfolgreicher zu machen. Also Was hat er zu verlieren?
Ich habe jeden eingeladen, der irgendwo irgendein Format noch sitzen hat, auf das er voll baut, dass jetzt der Moment ist, einfach das noch mal zu pitchen intern. Es war auch eine gute Gelegenheit, auch Fehler zu machen, weil ich bin aus Spanien gekommen. Ich habe gesagt: Jetzt können wir eigentlich aggressiv entwickeln, weil wenn irgendwas schiefgeht, das steht uns noch zu.
VOX hat eine überwiegend weibliche Zielgruppe. Es ist im Grunde nicht der Sender, den man als Erstes im Kopf hat, wenn man an ein Format denkt, das in den USA als Shark Tank damals große Erfolge feiert. Denn die Sharks, die Investor:innen in den USA, sind hart und aggressiv, auch im Umgang mit den Gründer:innen, die ihnen ihre Idee vorstellen. Worst presentation ever. I'm out. You've got a real business, but you're a pig.
Your presentation really was just terrible.
I'm sorry to say, just terrible and confusing. I hate it. Shark Tank passt nicht zu Vox. Aber Shark Tank passt eigentlich auch generell nicht ins deutsche Fernsehen. Es ist die Art, wie die Show aufgebaut ist, der Umgangston. Und das wissen auch die Verantwortlichen. Trotzdem entscheidet Bernd Reichert: Wir machen es. Damals zeigt auch das ZDF kurzfristig noch Interesse. Doch am Ende passt das Format nicht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Denn im Kern ist es natürlich eine Sendung, die auf Produktplatzierungen beruht. Trotzdem gab es damals Überlegungen, eine Pilotfolge zu produzieren. Doch welcher Unternehmer würde sein eigenes Geld in eine Testfolge investieren, die möglicherweise niemals ausgestrahlt wird? Bernd Reichert hingegen sagt damals sofort zu, und VOX gibt eine Staffel mit 8 Folgen in Auftrag. Es ist eine mutige Entscheidung, die gleich mehrere Fragen aufwirft. Denn eine Folge Shark Tank ist 45 Minuten Turbokapitalismus. Ein deutsches Pendant muss anders funktionieren, ohne das grundsätzliche Konzept infrage zu stellen. Speziell, wenn man wie Vox damit auch eine weibliche Zielgruppe ansprechen will. Eine Gruppe Investor*innen, denen Gründer*innen ihre Idee vorstellen, in die die Sharks, Dragons oder wie auch immer sie dann heißen ihr eigenes Geld investieren. All das hatte weltweit schon so oft den Proof of Concept erbracht, dass man daran auch in Deutschland nicht rütteln würde. Deswegen ging es mehr um kulturelle Anpassungen. Zum Beispiel um die Geldbündel, die anfangs bei Shark Tank in den USA oder Dragons' Den in Kanada vor den Investor*innen liegen, damit auch jeder sofort sieht, dass sie wirklich reich sind. Die Methode Holzhammer mag in anderen Ländern funktionieren. Aber kann man sich solche Protzereien in einem Land vorstellen, in dem es Redewendungen gibt wie Über Geld spricht man nicht? Und der Werbeslogan Geiz ist geil quasi zum Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs geworden ist? Natürlich nicht. Das deutsche Sony-Team will solche Geldbündel auf gar keinen Fall im Studio haben. Und auch VOX-Chefredakteur Kai Sturm ist wenig begeistert. Klar, die Summen, die investiert werden, müssen thematisiert werden. Auch das Vermögen der Investor:innen. Aber bitte keine Geldbündel.
Das ist eine Summe, die wird auch genannt, aber man will es nicht sehen. Weil nur Kleinkriminelle oder Großkriminelle, Drogenhändler oder Autohändler zocken mit Bargeld rum.
Und noch etwas will der Chefredakteur ändern: die Atmosphäre im Studio. Denn egal ob Haifischbecken oder Drachenhöhle, Wohlfühlatmosphäre gibt es weder hier noch da.
Shark Tank, so ganz düster erzählt, im Dunkeln, so die hässliche Fratze des Kapitalismus sitzt da und es ist toll, wenn der Reiche dem armen Gründer richtig einen auf den Deckel gibt. Also das bestätigt sozusagen sozusagen die ganzen Klassenunterschiede und dass Geld Macht ist und wer Geld hat, hat Recht.
Das kann man in Deutschland nicht machen, findet Kai Sturm. Und ich glaube, er hat recht. Turbokapitalismus, das ist spätestens seit der Weltfinanzkrise Ende der Nullerjahre ein Schimpfwort, als Banken verstaatlicht wurden und das weltweite Finanzsystem zusammenzubrechen drohte. Denn in Deutschland rühmte man sich schon vorher der sozialen Marktwirtschaft. Im Land der Familienunternehmen und der Mitbestimmung sollte der Kapitalismus zumindest mal ein bisschen netter wirken als anderswo.
Und unsere erste Idee war, in der Höhle der Löwen muss es ein Feuer geben, ein wärmendes Feuer. Darum haben wir diesen Kamin da reingebaut. Wir haben uns vorgestellt, das ist eher eine freundliche Lobby in einem großen Konzern. Der große Konzern, der muss Macht ausstrahlen, der muss auch Reichtum ausstrahlen, es muss schick aussehen, aber es muss mit Holztönen und mit warmen Farben, muss es eine Wärme und eine Zugewandtheit haben. Weil ich habe die Investoren immer in erster Linie als Ratgeber gesehen.
Das Geld, sagt Kai Sturm, solle zweitrangig sein in der deutschen Version. Natürlich, am Ende geht es um Investments und Business. Aber Kai Sturm und Astrid Quentel sind damals überzeugt, dass die Investor:innen mehr Sparringspartner:innen sein müssen. Dass man den Deutschen ein Wirtschaftsformat anders verkaufen muss. Muss. Weniger über das Geld und dafür mehr über die Ideen. Die Gründer*innen sollten mehr im Mittelpunkt stehen. Deutschland ist vielleicht das Land, in dem man nicht so gerne über Geld redet. Aber Deutschland ist auch das Land, in dem man sich sehr viel auf den Status Made in Germany einbildet und wo der Wechsel vom Abschluss Diplomingenieur zum Bachelor-Master-System eine kleine Kulturdebatte auslösen kann. Deutschland ist nicht nur das Land der Dichter und Denker.
Deutschland ist das Land der Erfinder.
Jedes Jahr werden 60.000— Und so geht die Show dann auch tatsächlich los. Das ist die Stimme von Amias Habdu. Er moderiert die Sendung in Deutschland. Und auch damit weichen die deutschen Macher*innen beispielsweise von Shark Tank ab. Schon früh ist ihnen klar, dass die deutsche Version mit rund 90 Minuten nicht nur doppelt so lang werden soll wie das US-Vorbild, um mehr Platz für Geschichten der Gründer*innen zu schaffen. Ihnen ist auch klar, dass es einen Moderator bzw. eine Moderatorin geben soll. Im US-Format gibt es diese Rolle nicht. In Deutschland soll sie aber etwas Wohlfühlatmosphäre vermitteln. Der damalige VOX-Chef Bernd Reichert hat das während unseres Gesprächs sehr schön beschrieben.
Wir hatten das Gefühl, dass wir vielleicht jemanden bräuchten, der auch es ein bisschen nachvollziehbarer macht, was es denn für einen Gründer bedeutet, wenn er erst mal vorm Käfig steht und dann in den Käfig geht und aus dem Käfig zurückkommt. Dass wir da so einen Moment schaffen, der es auch noch mal nachvollziehbar und nahbar macht.
Und dafür gibt es im deutschen Fernsehen der 2010er Jahre natürlich eine Allzweckwaffe.
Ganz ehrlich, der allererste Gedanke, wo wir auch sogar Gespräche geführt haben, war sogar mit Johannes Beckerner.
Ich bin Johannes Beckerner nie persönlich begegnet, aber ich habe früher mal eine Zeit lang seine Kochshow geguckt. Oder seine Fußballmoderationen. Oder seine Talkshow. Ich habe ziemlich viel Johannes B. Kerner in meinem Leben gesehen, obwohl ich vermutlich nie die typische Johannes-B.-Kerner-Zielgruppe war. Und ohne ihm zu nahe treten zu wollen, glaube ich, dass es für VOX und die deutsche Shark-Tank-Variante am Ende eine glückliche Fügung war, dass aus den Gesprächen nichts wurde, die Bernd Reichardt mit Kerner geführt hat. Prominenz kann hilfreich sein, um einer Sendung Aufmerksamkeit zu verschaffen, aber einen Überraschungserfolg landet man am Ende dann eben doch eher mit Underdogs. Sony und VOX setzen daher am Ende nicht auf den großen Namen, sondern entscheiden sich für den damals eher unbekannten Amias Habdu, der bis dato im Nachmittagsprogramm mit einem Straßenquiz unterwegs war, aber immerhin mit seiner lockeren Art von Anfang an eine gewisse Startup-Kredibilität versprüht. Er wird zum Türsteher der Sendung, nur dass er die Leute anders als vor einer Disco nicht abweist, sondern in Empfang nimmt. Egal wie sehr die Gründer*innen gegrillt wurden, egal ob sie mit Deal oder ohne das Studio verlassen. Bei Amias Habtu gibt's eine Umarmung und ein paar warme Worte. Denn die Zuschauenden sollen ja nicht nur die Produkte kennenlernen, sondern auch die Menschen hinter der Idee. Einziges Problem: Die muss das Sony-Team damals erstmal finden. Denn es mag sein, dass Deutschland das Land der Erfinder*innen ist. Das Land der Gründer*innen ist es jedenfalls nicht. Egal ob man sich 2013/14 Zahlen des Mannheimer Unternehmenspanels des Instituts für Mittelstandsforschung oder der KfW-Bankengruppe anschaut. Alle stellen die gleiche Diagnose: Die Zahl der Gründungen geht seit ungefähr 10 Jahren immer weiter zurück. In Deutschland arbeitet man lieber in einem Unternehmen, als selbst Unternehmer oder Unternehmerin zu werden. Dem Sony-Team war daher klar: Wenn wir Gründer:innen zeigen wollen, müssen wir erstmal Gründer:innen finden. Wie aktiv sich das Team um Startups bemühen musste, haben uns Teilnehmende aus der Sendung erzählt, die in der ersten Staffel dabei waren. Es kam tatsächlich der Anruf von Sony. Die haben uns einfach gefunden im Netz, glaube ich, oder über einen Spiegelbericht, den es über uns gab. Mir wurde gesagt: Ja, es gibt ja dieses Format Shark Tank und wir wollen das gerne nach Deutschland holen. Und das ist jetzt die erste Staffel, Pilotstaffel. Und wir brauchen noch ein paar Gründer, die schöne Bilder auch liefern können. Ich kannte die internationalen Formate wie Dragons' Den und Shark Tank. Aber VOX war ganz neu am Start mit der Sendung und damals haben die Scouts ausgeschickt, die coole Projekte ausfindig machen, und die haben uns damals angesprochen. Und noch etwas ist früh klar: Das Team braucht einen neuen Namen für das Format. Denn Shark Tank oder Haifischbecken passt einfach nicht zu Deutschland. Es klingt zu aggressiv. Und bei Dragons' Den oder Drachenhöhle würden viele vermutlich im ersten Moment an einen Fantasyfilm denken. Auch andere Namen scheiden aus. Schlangengrube zum Beispiel. Das klingt so hinterlistig. Mit Schlangen will niemand gerne Geschäfte machen. Also doch andere, mächtige Tiere.
Löwen.
Die Löwen sollen nicht ganz so aggressiv sein wie die US-Sharks, trotzdem sollen sie ihre Krallen zeigen. Sie sollen die Zuschauenden faszinieren, aber sie müssen auch nicht zwangsläufig gemocht werden. Denn die Zuschauenden sollen ja letztlich mit den Gründer*innen mitfiebern. Prominenz ist daher einerseits wichtig, doch die Löwen dürfen zum Start der Sendung auch nicht zu sehr polarisieren und damit das ganze Format überstrahlen oder überschatten, je nach Sichtweise.
Es geht schon auch darum, dass die untereinander dann auch so komplementär dort positioniert sind, dass man das Gefühl hat, es gibt eine gewisse Rivalität und die können auch gegeneinander pitchen, aber andere könnten unter Umständen auch gut sich alliieren und gemeinsam pitchen. Und man will nicht zu viel Friede, Freude, Eierkuchen. Auf der anderen Seite braucht man auch eine Art und Weise, wo unter Umständen die Leute gut miteinander arbeiten können. Also diese Dynamik ist auch nicht zu unterschätzen.
Das ist damals die Theorie. In der Praxis geht es jedoch erst mal darum, überhaupt 5 reiche Menschen davon zu überzeugen, ihr privates Geld vor Dutzenden Kameras in ein paar Start-ups zu investieren. Für das Höhle der Löwen Produktionsteam ist das damals eine ziemlich große Herausforderung. Denn es wird vielerorts in Deutschland nicht gerne gesehen, wenn Erfolge zu krass zur Schau gestellt werden. Doch das Sony-Team braucht natürlich Menschen, die genau wegen ihrer unternehmerischen Erfolge als Investor*innen auch ernst genommen werden. Einerseits kommt es in Deutschland nicht so gut an, wenn man mit seinem Reichtum protzt und sich mit dem Geldschein die Zigarre anzündet. Andererseits sollen die Löwen in der Sendung ihr eigenes Geld investieren und müssen daher auch finanziell in der Lage sein, solche Investments zu stemmen. Und dann gehören Fehlgriffe bei Startup-Investments natürlich zum Alltag. Das Problem ist nur, dass gerade wir Deutschen dazu neigen, anderen Menschen ihr Scheitern auch noch Jahre später aufs Brot zu schmieren. Die Anfragen bei Unternehmer*innen und potenziellen Investor*innen sind also alles andere als ein Selbstläufer. Jemand aus dem Produktionsteam hat es uns gegenüber in einem Gespräch so auf den Punkt gebracht: Wir haben ganz viel auf die Fresse gekriegt. Aber am Ende ist das Rudel beisammen.
Das sind die Löwen. 5 Millionen schwere Investoren. In der Höhle der Löwen entscheiden sie über die Zukunft von Menschen mit besonderen Geschäftsideen. Sie investieren ihr eigenes Geld in die richtige Person und die richtige Idee.
Bei Shark Tank in den USA gibt es verschiedene Profile bei den Investor*innen. Es gibt den Tech-Milliardär, die Immobilieninvestorin, die Teleshopping-Königin und neben all den Weißen natürlich auch den schwarzen Selfmade-Millionär, der es mit der Bekleidungsmarke FUBU aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn nach ganz oben geschafft hat. Und auch in Deutschland lassen sich gewisse Stereotype erkennen, die einer unserer Gesprächspartner so zusammengefasst hat: Den Gründer mit Migrationshintergrund, die dunkelhaarige Teleshopping-Königin, die blondhaarige Unternehmerin, den seniorigen Selfmade-Millionär und natürlich den Tech-Nerd. Der Gründer mit Migrationshintergrund? Das ist Reiseunternehmer Vural Öger. Die dunkelhaarige Teleshopping-Königin? Das ist Judith Williams.
Die Queen des Homeshopping hat sich mit der Judith-Williams-Markenwelt ein Reich aus Kosmetik, Mode und Schmuck aufgebaut. Jahresumsatz: 100 Millionen Euro.
Die blondhaarige Unternehmerin? Das ist Lenke Wischhusen.
Sie übernahm bereits mit 24 das Familienimperium Wepack und ist Vorsitzende des Verbandes Die Jungen Unternehmer.
Der seniorige Selfmade-Millionär? Das ist der zum damaligen Zeitpunkt wohl prominenteste Kopf der Runde: Ex-Stuntman und Gutscheinkönig Jochen Schweizer. Und der Tech-Nerd? Das ist Frank Thelen. Den das DHDL-Team selbstbewusst als Internet-Mogul vorstellt.
Er lebt den Traum der New Media Generation. Er investierte in Start-ups wie mytaxi und Kaufda. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel schätzt sein Wort.
Die Löwen haben alle eine spannende Vita. Aber die finanziellen Möglichkeiten sind im Einzelfall nicht ganz so üppig, wie es das pompöse Intro suggerieren will. Aber das spielte für die Macher*innen zunächst auch keine Rolle. Bei Sony und VOX ist man am Ende froh, überhaupt ein paar mehr oder weniger bekannte Gesichter gefunden zu haben. Denn wie gesagt, bei der Suche gibt's auch ziemlich viel auf die Fresse. Trotz der Vorläufer von Die Höhle der Löwen im Ausland und des klangvollen Namens Sony hagelt es Absagen. Die Suche ist eben gar nicht so einfach. Und das hat mehrere Gründe. Ich habe euch doch am Anfang der Folge von der Liste der reichsten Deutschen aus dem Manager Magazin erzählt. Damit ging es auch bei Sony los. Denn das Team hat sich natürlich in Datenbanken und solchen Listen einen Überblick über potenzielle Löwenkandidat:innen verschafft. Man habe zum Beispiel an Uli Hoeneß gedacht, hat uns jemand aus dem Produktionsumfeld erzählt. Aber dann sei noch was dazwischengekommen. Dazwischen? Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.
Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Tagesschau. Uli Hoeneß ist wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Ach ja, da war ja was. Uli Hoeneß, der langjährige Manager und damalige Präsident des FC Bayern München, wird im März 2014 zu einer Haftstrafe verurteilt. Er hatte 28,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen. Die selbsternannte Abteilung Attacke hätte sicherlich auch in der Show polarisiert. Und ich erspare euch jetzt mal an dieser Stelle jegliche Wortspiele über den Löwenkäfig und hinter Gittern. Aber klar, der Name Uli Hoeneß fällt in den Gesprächen damals immer mal wieder. Doch es gibt auch Vorbehalte, auch abseits der Steuerhinterziehung. Denn Hoeneß polarisiert auch damals schon extrem. Er wäre jemand, der dem Format viel Aufmerksamkeit verschaffen würde. Aber vielleicht wäre er gerade in der ersten Staffel jemand, der das Format auch überfordern würde. So ähnlich wie bei Johannes B. Kerner hätte der klangvolle Name zwar Zugkraft, doch die eigentlichen Stars sollten ja die Gründer:innen selbst sein. Auch andere Namen wurden diskutiert und wieder verworfen. Der vom Printenkönig und Lamberts-CEO Hermann Bühlbecker beispielsweise. Auch Dirk Rossmann, Gründer der Rossmann-Drogeriemärkte, taucht damals auf den Listen auf. Genauso wie sein Freund und Tenniskumpel Martin Kind. Doch der Hörgeräteunternehmer sagt auch ab, obwohl er eigentlich ein idealer Löwe wäre. Denn das Team um Astrid Quentel hat damals einen kleinen Kriterienkatalog festgelegt, der einen perfekten Löwen oder eine perfekte Löwin auszeichnet. Erstens: Unternehmer*innen ja, angestellte CEOs nein. Wer in der Sendung sitzt, muss über sein eigenes Geld verfügen können und sollte nicht im Nachgang noch ständig irgendwelche Gremien befragen müssen. Zweitens: Selbsterklärender Name. Die Rossmann-Drogeriemärkte kennt fast jeder. Da müsste man im Fernsehen auch nicht mehr groß erklären, was genau dieser Dirk Rossmann da jetzt macht. Drittens: Ein gewisser Geltungsdrang. Das Produktionsteam braucht Leute, die auch vor der Kamera funktionieren. Jochen Schweizer sei im Grunde der ideale Kandidat gewesen, hat jemand aus dem Produktionsteam mal gescherzt. Denn er habe schnell den Werbeeffekt erkannt, den es für seine Erlebnisgutscheinfirma gibt. Gleichzeitig sei er eitel genug, seinen Erfolg auch mit der Öffentlichkeit teilen zu wollen. Am Ende sei die Mischung entscheidend, ist der frühere VOX-Chef Bernd Reichert überzeugt.
Man braucht nicht die allerbesten Top-Namen, damit das Format fliegt. Das Format ist größer als jeder einzelne Name.
Ich spoiler schon mal kurz: Das wird in den nächsten Jahren nicht jeder der Löwen so sehen. Denn je erfolgreicher das Format wird, umso mehr werden die Löwen sich auch untereinander vergleichen. Wer ist der Beliebteste, wer wird wie in den Sendungen gezeigt und wer bekommt eigentlich welches Honorar? Aber am Anfang, da geht es erstmal ums Überleben. Da ist überhaupt nicht klar, ob die Sendung in Deutschland und dann ausgerechnet noch bei VOX überhaupt ein Erfolg wird. Da ist das alles erstmal ein riesengroßes Experiment, auf das sich die Löwen und auch die Gründer*innen eingelassen haben. Und das merken sie auch schnell, als die Aufnahmen in einer alten Kölner Fabrikhalle stattfinden. Erst einen Tag vor der ersten Aufzeichnung treffen alle Löwen das erste Mal aufeinander. Und das auf eine, sagen wir mal, sehr spezielle Art und Weise, wie uns Linke Wischhusen erzählt hat.
Wir mussten dann so lustige Spiele machen. Das ist so ein Ding, da muss jeder sagen, was er ist, und sich in die Szene einbringen. Ja, und dann war irgendwie, Vural war glaube ich der Baum und Jochen war der Hund, der den Baum anpinkelt, und ich war das Herrchen, was dann so die Leine hält. Und du musst halt immer diese Geschichte spinnen.
Es sei extrem lustig gewesen, hat sie uns gesagt. Trotzdem dürfte der ein oder andere Löwe sich in der ersten Sekunde innerlich gefragt haben, ob es wirklich so eine gute Idee war, sich auf das Format einzulassen. Und auch im Studio lief es am Anfang alles andere als rund. Frank Thelen hat mal gesagt, sein Blutdruck sei am ersten Aufzeichnungstag von Pitch zu Pitch gestiegen. Denn damals wusste niemand so richtig, wie so ein Pitch im deutschen Fernsehen jetzt genau ablaufen soll. Die Startups nicht, das TV-Team nicht und die Löwen natürlich auch nicht. Astrid Quentel und Kai Sturm haben es endlich geschafft, Dragons' Den nach Deutschland zu holen. Sie haben mit ihren Teams eine deutsche Version entwickelt, mit eigenen Kulissen und eigener Erzählweise. Sie haben es geschafft, 5 Unternehmer:innen zu überzeugen, vor laufenden Kameras ihr eigenes Geld zu investieren. Sie haben es auch geschafft, diese Gründer:innen zu finden, die in der Sendung ihre Geschäftsideen präsentieren. Das Problem ist nur: In keine dieser Ideen wollen die Löwen am Anfang investieren. Beim ersten Pitch wollen sie nicht, beim zweiten Pitch auch nicht, beim dritten nicht, beim vierten nicht, beim fünften nicht. 10 Pitches sind vorbei. 10 Startups haben präsentiert. Kein Löwe hat auch nur einen einzigen Euro investiert. Im Studio herrscht Ratlosigkeit. Wie soll eine Sendung funktionieren, in der kein einziges Investment geschlossen wird? Die Aufzeichnung wird unterbrochen. Pause. Die Löwen ziehen sich zurück. Vielleicht genervt, vielleicht etwas niedergeschlagen. Ich weiß es nicht. Aber das große Abenteuer Fernsehen läuft alles andere als gut an. Und das wissen sie. Doch dann fassen Vural Öger, Judith Williams und Frank Thelen einen Plan. Um was es geht? Das erzähle ich euch in der nächsten Folge. Das war die erste von 8 Folgen von OMR Rabbit Hole, die Höhle der Löwen. Die zweite Folge findet ihr schon jetzt auf dem Rabbit Hole Kanal und danach könnt ihr jeden Montag eine neue Folge hören. Abonniert den Kanal, um keine Folge zu verpassen. Den Link dazu haben wir euch in die Shownotes gepackt. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.
OMR Rabbit Hole, die Höhle der Löwen, ist eine Produktion von Podstars by OMR. Redaktion und Recherche: Tanja Karasch und Florian Rinke. Projektmanagement: Florian Severin. Postproduktion und Sounddesign: Ignaz Engelmann, Hardy Haufe und Lilly Hunn. Coverdesign: Simon Barth. Foto und Video: Luisa Wohl. Executive Producer: Constantin Buer und Vincent Kettmann. Vielen Dank an alle aus dem OMR-Kosmos, die das Projekt unterstützt und möglich gemacht haben.
More from Mario


Vom Hafenarbeiter zum Milliarden-Textilimperium: Tom-Tailor-Gründer Uwe Schröder (#945)









