Bewerbungsfrust: Was tun?

Transcript eines YouTube-Interviews (JobGenius) zum Thema Bewerbungsfrust. Diskutiert werden mögliche Gründe für viele Absagen (Pro‑forma‑Ausschreibungen, intern bereits besetzte Stellen, Budgetstopp, Marktforschung durch Stellenanzeigen, Überqualifikation) und konkrete Strategien, wie man Frustration stoppt: Erwartungen anpassen, Ursachenanalyse, Durchhaltevermögen/Disziplin, Bewerbungsprozess als Projekt behandeln und aktiv weitermachen.
Jochen, wir haben hier einige Zuschriften von Leserinnen und Lesern zum Thema Bewerbung, speziell Bewerbungsfrust. Das heißt, die haben sich beworben und zwar schon dutzendfach, kriegen nur Absagen. Was würdest du denn so jemandem sagen?
Also ich kann mich natürlich gut in die Situation reinversetzen, das kann total frustrierend sein. Und deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass man zunächst mal seine Verzweiflung stoppt. Also viele Absagen, die es gibt, sind erstmal gar nicht die Schuld der Bewerberinnen und Bewerber, sondern man muss sich das einfach bewusst Es gibt da draußen auf dem Markt auch einige sogenannte Pro forma Ausschreibungen, bedeutet, die Stelle muss offiziell aus irgendwelchen Compliance Richtlinien, gerade bei öffentlichen Behörden ist das so, die muss offiziell ausgeschrieben werden. Der oder die Kandidatin ist aber intern natürlich längst gefährlich und eigentlich auch besetzt. Sprich, da gibt es zwar eine Stellenanzeige, du denkst boah, toller Job, bewerbe ich mich drauf, Du hattest aber von vornherein null Chancen, weil die schon intern besetzt ist. Man muss sie aber öffentlich ausschreiben, um bestimmte Richtlinien, Gesetzmäßigkeiten einzuhalten. Das zweite ist, manche Stelle wird auch einfach kursiert. Also da ist da draußen eine Stellenanzeige, vielleicht schon seit ein, zwei Monaten. Personaler hat es vergessen, dass sie noch gibt, aber intern keine Ahnung, weil das Wirtschaft, weil die Wirtschaft sich gerade anders entwickelt und das Unternehmen in Schieflage gerät, sagt man, okay, Budget stopp, wir haben die Stelle nicht mehr, wird kassiert, gibt es nicht mehr. So weißt du auch nichts von bewirbst dich, kriegst eine Absage, denkt es liegt an dir, liegt aber gar nicht an dir, liegt an der Kasse sozusagen des Unternehmens oder du bist Testobjekt, ist fies, wird aber gemacht. Manche Unternehmen schreiben auch Stellen aus, um zu sehen, sind wir denn attraktiv auf dem Arbeitsmarkt? Also nehmen die Leute uns als Arbeitgeber wahr, wie viele Bewerbungen bekommen wir denn überhaupt, wenn wir mal einen coolen Job hätten Und dann wollen wir einfach nur sehen, Maße oder Klasse, was kommt denn da? Sind wir attraktiv, müssen wir was machen? Das ist so eine Art Marktforschung, aber auf deinem Rücken, also auf dem Rücken der Bewerber nicht nett, passiert aber so. Und dann gibt es natürlich noch den Fall, auch das kommt vor, dass du überqualifiziert bist, es gibt zwar eine Absage, frustrierend, ja, aber das heißt nicht, dass du schlecht warst, sondern du warst zu gut. Und das kommt eben auch vor. Zu gut heißt ja meistens auch, dass man befürchtet, entweder du bist zu teuer oder dass du vielleicht nach ein paar Monaten schon wieder abhaust, weil du den Job gefunden hast, für den du wirklich qualifiziert hast, qualifiziert bist. Und deswegen stellt man dich erst gar nicht ein, weil man sagt, naja, in einem halben Jahr können wir die Stelle schon wieder ausschreiben, dann suchen wir uns lieber jemanden, der genau dafür passt. So, also es gibt immer wieder auch Gründe, warum man Absagen kassiert, gar nichts dafür kann. Und ich glaube, wenn man sich das bewusst macht, hört das mit der Verzweiflung schon mal ein bisschen aus.
Lass uns da ansetzen. Welche Strategien hast du denn noch, damit ich einfach nicht innerlich resigniere und ich lasse es jetzt ein.
Also nochmal, ich glaube, also ich kann das verstehen. Ich habe immer wieder auch Leute schon kennengelernt, denen ich auch geholfen habe, die ich unterstützt habe, begleitet habe, gecoacht habe. In solchen Situationen waren das Erste, was ich denen immer wieder Frustration ist der Beginn der Kapitulation. Das ist hart, aber das ist einfach so. Mach dir Ein Bewerbungsprozess kann zwischen drei und sechs Monaten dauern bei Geschäftsführern. Also auf so einem C Level kann das sogar ein ganzes Jahr dauern. Also das muss man sich einfach sagen bewusst machen. Es gibt nicht so viele Stellen für diese Top Position. Und viele Unternehmen bauen ja auch gerade so das Mittelmanagement ab, weil sie einfach merken, kostet wahnsinnig viel, ist aber so ein wahnsinniger Management Overhead, den brauchen wir eigentlich gar nicht. Also Stellen sind rarer, dauert entsprechend länger. Aber auch der normale Prozess dauert zwischen drei und sechs Monaten. Das weiß ich selber zum Beispiel auch aus unserer Sendung Job Switch. Auch da haben wir ja Kandidaten vermittelt. Manche gingen schneller, andere brauchten länger, bis wir die passenden Jobs gefunden haben. Und da hat es teilweise auch fast sechs Monate gedauert, obwohl wir drei Experten im Hintergrund gerödelt haben und Jobs gesucht haben. Und wer hat schon drei Coaches, die für ihn Jobs suchen? Also will sagen, das kann einfach auch mal länger dauern. Es liegt aber dann eben nicht an dir. Das Nächste ist, die eigenen Erwartungen anzupassen. Also versuch einfach mal zu überlegen, erwarte ich vielleicht auch einfach zu viel Setze ich diesen neuen Job, den Traumjob auf so einen hohen Sockel, dass ich ihn gar nicht mehr erreichen kann. Und dann kann ich ja nur frustriert werden von dem, was ich da auf dem Arbeitsmarkt finde. Und vor allen Dingen natürlich auch, wenn ich Ficht viel zu hoch, selber viel zu hoch bewerte und hoch ansetze, dann kriegt natürlich auch wieder Absagen. In dem Fall bin ich jetzt nicht über, sondern eher unterqualifiziert. Und auch da muss man natürlich versuchen, realistischer zu werden. Ansonsten lass los. Jede Absage ist erstmal natürlich ein Dämpfer. Aber Haken dran machen, aufstehen, Krone richten, hätte ich beinahe gesagt, neu starten, das ist viel, viel wichtiger. Ja, es hilft sicherlich schon eine Analyse. Woran liegt es, wenn ich immer wieder Absagen kriege, Mache ich vielleicht selber einen Fehler? Das machen wir natürlich dann auch in so einem Bewerbungscoaching. Das mal anschauen, wo könnten vielleicht Punkte sein, die wir noch verbessern können. Aber ansonsten gilt Haken dran machen, nicht mehr weiter grübeln, sondern wirklich immer noch Neustart wagen, aktiv werden, weitermachen teilweise aber eben auch sich dazu zwingen müssen. Jetzt kommt so ein hässliches Wort Disziplin. Ja, manchmal ist es einfach auch so im längerfristigen Bewerbungsprozess, dass man einfach durchhalten muss und Disziplin haben muss. Mach ein Projekt daraus, Begreife das schon wie einen Job. Dein Job ist nicht den Job zu haben, sondern dein Job ist den Job zu bekommen. Also stehst du morgens um 7 oder sowas auf, setz dich um 8 Uhr hin und beginnst mit deinem neuen Job und der Job heiß ich kriege meinen Traumjob. Und dann hast du auch Entschuldigung, dann hast du auch wirklich den ganzen Tag was zu tun und bist vor allem zielgerichtet fokussiert.
Vielleicht noch hast du noch einen Tipp, wenn ich jetzt OK, ich schüttel mich, ich mache mich wieder ans Werk, ich finde meinen Traumjob, bevor ich jetzt anfange zu tippen. Was soll ich tun?
Auch das ist wieder Abendfüllen. Da könnte ich jetzt stundenlang drüber reden. Machen wir vielleicht mal im Live Video oder sowas. Aber ich glaube, das Erste, was wir natürlich immer in so einem Coaching Prozess auch machen, ist mal die Analyse. Wir schauen uns an, wie sehen die Bewerbungsunterlagen aus? Warum kriegen wir nur absagen oder wenn du immer wieder ins Vorstellungsgespräch kommst und daran scheiterst, dann schauen wir uns natürlich an, woran liegt das? Was kriegst du für ein Feedback? Was hast du für ein Gefühl? An welchen Stellen bist du unsicher? Und so weiter. Also sprich, erster Schritt Bewerbung optimieren. Zweiter Strategie verbessern. Strategie bedeutet ganz klar, wie gehe ich eigentlich vor bei meiner Jobsuche? Welche Kanäle nutze ich, um die Jobs zu finden, aber auch überhaupt, um mich zu bewerben? Nutze ich wirklich alle Kanäle? Bewerbe ich mich nur auf Stellenanzeigen oder schreibe ich vielleicht auch Initiativbewerbungen? Bin ich auf Social Media sichtbar in irgendeiner Form? Positioniere ich mich da? Nutze ich auch die passive Bewerbung? Nutze ich vielleicht auch ein Bewerbungsvideo, was ja tatsächlich unheimlich cool sein kann und teilweise auch besser ankommt als ein Anschreiben, was sowieso viele Bewerber hassen. Apropos Anschreiben, wie sieht das eigentlich aus? Kann ich das optimieren? Und so weiter und so fort. Nächster Bin ich flexibel genug? Das ist so eine Erfahrung, die ich zum Beispiel auch bei Jobswitch gemacht habe, wenn Kandidatinnen und Kandidaten auch schon im Vorcasting dabei waren, die gesagt haben, ich wohne hier in der Pampa, wo nichts ist, aber ich möchte auch nicht weg, hätte aber gerne von euch meinen Traumjob. Dann sage ich können wir nicht machen. Ist eine Illusion. Also ich verstehe das einerseits, dass man sich das wünscht, aber ich kann ja kein Unternehmen mal eben schnell da ansiedeln in der Pampa, sondern muss natürlich auch Bin ich überhaupt flexibel genug? Auch räumlich flexibel? Man sagt immer Immobilien machen immobil. Das gilt aber auch für Bewerber, die müssen jetzt keine Immobilien haben. Aber wenn du Ich wohne hier da, wo es keine Jobs gibt und vor allem nicht den Job, den ich gerne hätte, will aber auch nicht wegziehen, dann hast du ein Problem. Also auch da Hand aufs Herz Bin ich flexibel genug? Und wenn nicht, muss ich halt leider auch ein Stück weit flexibler werden, mein Radius vergrößern. Dann noch ein Punkt, der kommt so ein bisschen der Begriff vielleicht aus der Flirting oder Dating Szene, Habe ich das falsche Beuteschema? Auch das habe ich immer wieder bei Coaches erlebt, dass die im Grunde genommen die falschen Arbeitgeber suchen, die falschen Jobs suchen, bei denen sie nicht ankommen. Das liegt natürlich daran, dass das eigene Profil nicht matcht zu dem Profil, was tatsächlich am Arbeitsmarkt gesucht wird. Das kann auch mit der sogenannten latenten Prägung zusammenhängen. Was ist das? Latente Prägung, toller Begriff, auch eine super Sache, sollte man sich unbedingt mit befassen. Wir können ja nur suchen, wovon wir den Namen kennen. Also die meisten Leute, das war immer auch die Überraschung von unseren Kandidaten bei Jobswitch, die suchen natürlich die meisten Menschen immer nur nach Jobs, die sie benennen können. Also weiß natürlich, was ein Polizist, ein Feuerwehrmann, ein Arzt ist oder sowas. Ein oder anderen Jobs kennt man auch, aber da draußen gibt es so viel mehr Berufe, die total spannend sind, die auch gesucht werden, aber deren Namen kennt man nicht. Wenn man die Namen nicht kennt, kann man die natürlich auch nicht in Jobbörsen oder Suchmaschinen eingeben und kann diese Jobs halt auch nicht finden. Und das ist die latente Prägung. Wir haben eine Prägung von bestimmten Berufen und nur in diesem Rahmen entscheiden wir uns. Dabei gibt es da draußen so viel mehr. Deswegen ist es wichtig, auch in so einer Phase, wenn ich halt Bewerbungsfrust habe, es komm einfach nicht weiter, informiere dich, schau einfach mal nach, was gibt es für Jobprofile, Berufsprofile da draußen und such gezielt. Da gibt es ja zig Seiten, auch die Karrierebibel natürlich, aber es gibt zig Seiten, wo Berufsprofile drin stehen, wo man sich informieren kann. Lies die mal durch und vielleicht sagst du, ich wusste gar nicht, dass es diesen Job gibt, aber genau das ist der Job, den ich schon immer mal machen wollte. Vielleicht denkst du Maskottchen bei einem Sportverein wäre total toll oder ich wollte schon immer Modellbauer werden beim Wunderland in Hamburg oder so Miniatur Wunderland in Hamburg oder sonst irgendwas. Also vielleicht kommst du erst auf Jobs, wo du sagst, genau das ist es eigentlich. Du kannst sie nicht finden, wenn du den Namen nicht kennst, latente Prägung oder eben auch dadurch das falsche Beuteschema hast. Deswegen erweitere deinen Radius, aber auch deinen Horizont.










